Wer auf Abrahams Spuren durch Palästina wandert, will mehr verstehen vom Konflikt und scheut kein Ziehen in den Waden.

Abraham-Pfad Zeitzum pdf der Story in Die Zeit...

Der erste Stein fliegt auf der Anhöhe von Ein Samija. Geworfen hat ihn Anwar, unser palästinensischer Wanderführer. Sein Ziel: ein kniehohes Steinmännchen. Doch nur dessen Brust verrutscht. Der Kopf, ein flacher Kiesel, bleibt liegen.

Anwar hat das Männchen auf einer Wiese aufgebaut, die uns nach dem Aufstieg aus der Felsenschlucht mit zartrosa Malven und knallroten Anemonen überraschte. Der 46-Jährige trägt ein Schirmkäppi mit Ohrensegeln. Sein bärtiges Gesicht liegt im Schatten, als er sagt: »Das haben wir als Kinder immer gespielt.« Die Wucht, mit der Anwar den Stein warf, hatte allerdings nichts Spielerisches. Vielleicht ist seine Wut auf kleine Flamme gedreht, wenn er wandert oder lacht, aber jetzt flackert sie auf.

Steineschleudern im Heiligen Land, das hat Tradition. Schon David behauptete sich so gegen Goliath. Doch wir sind in friedlicher Mission unterwegs. Wir wandern auf den Spuren Abrahams – des Stammvatersder Juden, Muslime und Christen. Er ist der gemeinsame Nenner der Religionen; im Arabischen trägt er den Beinamen al-chalil, der Freund. Deshalb hat William Ury, Konfliktforscher an der Harvard-Universität, sich eine Initiative ausgedacht: eine Wanderroute entlang der Orte, die Abraham vor 4000 Jahren besucht haben soll. Von der mesopotamischen Stadt Harran in der Türkei über Syrien, Jordanien und Israel bis in die Palästinensischen Autonomiegebiete – immerhin 1200 Kilometer soll Abraham zurückgelegt haben auf dem Weg ins gelobte Land Kanaan.

Im Vergleich dazu machen wir einen Spaziergang: In vier Tagen wollen wir von Nablus nach Taybeh laufen, rund fünfzig Kilometer durch das Zentrum des Westjordanlands. Wir, das sind Anwar und acht Touristen aus Großbritannien, den USA, Deutschland und Kolumbien. Doch wir haben noch einen zehnten Gefährten dabei. Manchmal vergessen wir ihn. In der Stille eines regensatten Wadis oder jetzt, auf dem sonnigen Plateau von Ein Samija. Aber Anwar erinnert uns daran, dass der dunkle Bursche immer mitläuft. Er gibt ihm viele Namen: Besatzung, Siedler, Landraub. Wir anderen drücken es vorsichtiger aus: Unser Begleiter ist der Konflikt.

Doch zurück zum Anfang. Wir treffen Anwar in Bethlehem, im Büro des Siraj Centers – eine einheimische Organisation, die geführte Touren auf dem Pfad anbietet. Ein Sammeltaxi karrt uns in den Norden nach Nablus. Zu Bibelzeiten hieß die Siedlung zwischen den zwei Hügeln Schechem,und hier soll Gott Abraham das Land für seine Nachfahren versprochen haben.

In der Kryptavon Sankt Photina trinken wir einen Schluck aus der heiligen Brunnenquelle, die nach Abrahams Sohn Jakob benannt ist. Dann lassen wir uns durch das Gewusel des Suks treiben, immer der Nase nach: zu Türmen aus handsgestanzten Seifenstücken, natürlichem Viagra aus dem Libanon im Gewürzladen und gehäuteten Schafsköpfen, die vor einer Metzgerei baumeln.

Inmitten des Marktgewühls kosten wir buttrige Fladen aus Käse, Gries und Rosensirup. Knafeh, das Nationaldessert. Es liegt uns schwer im Magen. Aber da ist noch etwas, was wir verdauen müssen. Die zerfledderten Plakate, die an den Mauern der Altstadt hängen: Jungs mit Kindergesichtern und Kalaschnikows. »Märtyrer«, sagt Anwar.

Nablus galt einst als Hochburg des Terrors, als Brutstätte der Al-Aksa-Brigaden. Einschusslöcher und von Panzern abrasierte Hausecken erinnern an die Belagerung der Israelis während der Zweiten Intifada. Als wir später in einem Kaffeehaus beim Mokka zusammensitzen, will Julia aus Kolumbien wissen, ob es gefährlich sei, dass wir uns bald so nah an den israelischen Siedlungen bewegen. »Keine Sorge«, sagt Anwar und lacht bitter, »meist ist Maschendraht dazwischen.« Die Trutzburgen der Israelis auf den Hügelkuppen seien von hohen Zäunen umgeben.

Dann erklärt Anwar, dass der Rundgang durch Nablus schon der heutige Streckenabschnitt gewesen sei. Martin und Monika gucken auf ihre schweren Wanderschuhe: »Wieso können wir nicht weiterlaufen? Dafür sind wir doch hier!« – »Schwai, schwai«, sagt Anwar. Immer mit der Ruhe. Erst als wir im Taxi zu unserem Nachtquartier in Awarta sitzen, erklärt er: »Der Fahrer kennt einen Schleichweg. So ersparen wir uns Probleme am Checkpoint.«

In Awarta werden die Gebäude umso urtümlicher, je tiefer wir ins Dorf kommen. Das unverputzte Mauerwerk aus rohen Steinquadern glüht golden in der sinkenden Sonne. Umm Ahmed, unsere Gastgeberin, erwartet uns mit ihrem Sohn Ahmed vor dem Haus. Seit ihr Mann gestorben ist und die Töchter verheirate sind, leben sie hier zu zweit und verdienen sich etwas dazu, indem sie Wanderer beherbergen.

Dass man bei Einheimischen übernachtet, gehört zum Konzept des Abrahampfads: So erleben Besucher Gastfreundschaft, wo sie vielleicht Feindseligkeit erwarteten, und bringen Geld in Regionen, die es dringend benötigen.

Umm Ahmed schenkt jeder von uns Frauen ein buntes Kopftuch und bedauert uns ausgiebig: Anwar hat ihr erzählt, wir seien müde und müssten uns ausruhen. Wir widersprechen nicht mehr, sondern folgen ihr aufs Flachdach, um die Aussicht zu genießen: unzählige Hügelkämme mit Dörfern darauf.

Da dröhnt eine Stimme aus dem Minarett gegenüber. Jemand hat das Mikrofon gekapert: Statt des Abendgebets ertönt ein trunken klingender Kampfruf. Für die Einwohner von Awarta ist heute ein großer Tag. »Ein Mann kommt frei – nach sieben Jahren Gefängnis«, erklärt Ahmed. Wenig später kurvt ein Auto mit Lautsprecheranlage um den Dorfplatz. Arabischer Pop wum mert aus den Boxen, dann knallt ein Feuerwerk.

Als wir uns, satt von Linsen-reis mit Joghurt, im Sofaplüsch fläzen, fragen wir Umm Ahmed, wer auf all den Fotos zu sehen ist, die zwischen Stickereien und Urkunden an der Wand hängen. Dabei erfahren wir, dass auch ihr Bruder schon lange in einem israelischen Gefängnis sitzt. »Er ist Journalist«, sagt sie, als ob das schon genug erkläre.

Während die beiden Ehepaare aus unserer Gruppe bei Nachbarn untergebracht sind, bekommen wir Frauen das rosa gestrichene Mädchenzimmer von Umm Ahmeds erwachsenen Töchtern. Aber bevor wir uns hinlegen, klopft es an der Tür: Die Großmutter der Familie schaut vorbei, im schwarzen Samtkleid, besetzt mit Strasssteinchen. Auf ihrer Brust liegt ein ovales Amulett, das hinten und vorne je ein Porträt zeigt: Zwei ihrer 16 Kinder sind während der Intifadas umgekommen. Die Großmutter lobt uns: Wir seien starke Frauen, dass wir uns hierhertrauten.

Am nächsten Morgen sitzt Anwar schon am Frühstückstisch vor Schälchen mit Hummus, Öl und tuchgeschütteltem Käse, Pitabrot und Zatar, einer Thymianmischung.  »Was steht heute auf dem Programm?«, will Kim, die Amerikanerin, wissen. »Shmanet hawa. Frische Luft schnuppern. Das Ziel hat keine Bedeutung.« So ganz stimmt das nicht. Wir werden 18 Kilometer nach Duma wandern und dort in Anwars Haus schlafen. Er wirft sich den Rucksack auf den Buckel: »Jalla. Auf geht's!«

Terrassenfelder mit Olivenbäumen und grünem Weizen schichten sich vor uns auf – hier gibt es nur bergauf oder bergab. Die Erde ist so satt und rot, wie es sich die Bauern nach dem Winterregen wünschen. Ohne dass wir es bemerken, führt unser Feldweg aus der palästinensisch verwalteten Area A in den sandfarbenen Bereich unserer Straßenkarte: Area B, die Übergangszone. Dahinter erwartet uns sehr viel Weiß – ein Gebiet, das unter israelischer Militärverwaltung steht, Area C.

Nicolas entdeckt einen Farbklecks auf einem Felsen: »Unsere Markierung?« Nein, die gehöre zu einer israelischen Wanderroute, sagt Anwar: »Unser Weg ist nicht ausgezeichnet, sondern in meinem Kopf.« Und das aus gutem Grund: Einmal hätten die Guides den Pfad schon verlegen müssen, weil ein radikaler Siedler Wanderer mit dem Gewehr bedrohte.

Anwar bedient sich aus der Natur wie von einem Salatbüfett. Er lässt uns grüne Mandeln kosten, zupft die Köpfchen blauer Blumen ab und zeigt, wie man daraus den Nektar saugt. Fürs Abendessen packt er Fenchel und Salbeiblätter in den Rucksack. Zuletzt finden wir wilden Spargel. Als wir in Akraba ankommen, ist unser Appetit ordentlich angeregt. Während wir uns nach dem Mittagsgelage in einem Frauenzentrum noch traditionelle Stickereien zeigen lassen, verschwindet Anwar zum Gebet.

Beim Weiterlaufen zieht uns das Auf und Ab des Vormittags bereits in den Waden. Abraham muss ein ziemlich sportlicher alter Herr gewesen sein – als er hier unterwegs war, soll er sich schon in der zweiten Hälfte seiner 175 Lebensjahre befunden haben.

Allmählich geht uns auf, dass wir wirklich wandern. Da kommt uns Scheich Abdullah gerade recht. Wie all die Bauern, Hirten und Olivenpflückerinnen auf dem Weg begrüßt Anwar ihn mit Überschwang. Dann legt das religiöse Oberhaupt mitten auf der Straße eine missionarische Rede hin, die wir uns gern gefallen lassen, immerhin spendet ein blühender Aprikosenbaum Schatten. Anwar übersetzt simultan: »Der Islam ist die jüngste Weltreligion. Folglich die modernste. Das Leben ist hart und kurz. Wollt ihr denn nicht mit mir ins Paradies?«

Das Paradies scheint uns allerdings eh nicht fern, als wir wenig später durch eine duftende Kräuterwiese stapfen. Marla und Kim ziehen aus der Nachhut nach vorne: »Anwar, schau, en verrücktes Tier! Eine Mischung aus Hund, Känguru und Reh, da drüben!« Doch das Vieh ist verschwunden. »Kling für mich genau nach einer Hyäne«, sagt der Guide.

Als wir das Haus in Duma endlich erreichen, in dem Anwar mit seiner Familie wohnt, jammert keiner mehr über zu wenig Bewegung. Wir besuchen seine Frau und die beiden Töchter in der Küche. Anwar erzählt stolz, dass er der erste Mann im Dorf sei, der eine Tochter auf die Universität geschickt habe. Die Älteste studiert nun in Nablus Onlinejournalismus. Der Artikel, an dem sie gerade schreibt, sei eine politische Fabel: »Meine Tante hat einer Ente Hühnereier untergejubelt, um zu sehen, ob die Küken schwimmen lernen.« Wenn das Experiment gelänge, ließe sich vielleicht etwas ändern in diesem Land, so das Gleichnis der angehenden Journalistin. Leider möchten die Küken aber nicht vergessen, dass sie Hühner sind.

Nach Sonnenuntergang will Anwar uns noch das Jordantal zeigen. Wir spazieren zum Dorfausgang, wo die Familien Gemüse und Gewürze anbauen, und blicken in der Weite der Nacht auf zwei Lichterketten. Die eine glitzert etwa dreißig Kilometer entfernt: Es sind die ersten Häuser von Jordanien. Das andere leuchtende Band besteht aus Häusern israelischer Siedler, und es strahlt nur etwa zehn Kilometer von hier.

Bei seinem Anblick verstehen wir besser, warum Anwar nie zur Ruhe kommt: Seit er ein Kind ist, sieht er dieser Schlange beim Wachsenzu. Er hat beobachtet, wie die Israelis mehr und mehr Land nahmen. Wie sie von Bananen auf Weintrauben und dann auf Datteln umsattelten – auf Obst, das teuer exportiert wird, während die palästinensische Wirtschaft im Würgegriff der Besatzung nach Luft schnappt.

Tag drei, 15 Kilometer. Am Vormittag erreichen wir Al-Magajjir. Der Name des Dorfes bedeutet Veränderung. Das Wetter wechsele hier, sagt Anwar. Doch auch die Landschaft ist nun eine andere – schroffe Felsen statt sanfter Hügel. Dazu scheinen wir eine Grenze im Tierreich überschritten zu haben: Sind wir bisher alle paar Meter über faustgroße Schildkröten gestolpert, kringeln sich nun unzählige Raupen auf dem heißen Asphalt. Später sind es Tausendfüßler, die sich handlang und schwarz glänzend durch die koral- lenartigen Strukturen einer Wüstenpflanze winden.

Nach einem Picknick in einer Baumschule der Palästinensischen Autonomiebehörde klettern wir auf das Plateau von Ein Samija. Erst zögernd, dann wie im Rausch folgen wir Anwar und werfen ebenfalls auf das Steinmännchen. Treffer und Anfeuerungsrufe krachen seltsam unanständig in die Stille über dem Land. Aber schließlich löst sich bei allen etwas: bei Anwar ein bisschen Wut, bei uns anderen die Spannung. Dann ruft Anwar »Jalla!«, und wir steigen ab.

Im Schlingerkurs kreuzen wir eine Schafherde, umwandern eine Müllkippe, grüßen Beduinenfrauen, die in offenen Zelten mit ihren Kindern vor dem Fernseher hocken. Schließlich führt uns Anwar durch einen Kalksteinbruch. »Das ist unser weißes Gold«, erklärt er. Der feste Stein sei ein begehrtes Baumaterial. Wer ihn unter seinem Feld finde, sei reich.

Im Dorf Kafr Malik übernachten wir in einem hundert Jahre alten Haus. Meterdicke Steinmauern isolieren das Untergeschoss wie ein Kühlfach. Heute sitzt auf dem antiken Fundament ein dunkel verspiegelter Aufbau, in dem sich eine hochmoderne Wohnlandschaft verbirgt. Wir helfen unserer Gastgeberin, Brotfladen mit einer Mischung aus Öl, Zwiebeln und Sumach zu tränken: Sie backt sie für ein Musachan-Gericht im elektrischen Nachfahren eines Lehmofens. Die Menge scheint völlig übertrieben. Aber sie sagt: »In einem palästinensischen Sprichwort heißt es: Wenn der Nachbar dein Essen riecht und du ihm nichts bringst, gibt es böses Blut.«

Die letzte Etappe führt uns in die einzige christliche Enklave des Westjordanlands, nach Taybeh. Schon auf den ersten Metern dorthin kratzt uns der Hagel so unbarmherzig in den feuchten Gesichtern, dass Anwar uns in seinen Windschatten ordert. »Gott straft uns für das Bier am Morgen«, sagt er – eine Anspielung auf die Brauerei, die wir in Taybeh besichtigen wollen.

Bald hat sich der feuchte Lehm unsere Hosenbeine hochgesaugt. Die Tücher von Umm Ahmed um die Köpfe gewickelt, sehen wir kaum etwas von der Landschaft; nur das Knirschen der zerschossenen Flaschen unter den Sohlen erinnert daran, dass auf der Kuppe mal wieder ein Militärstützpunkt sitzt.

Als der Hagel nachlässt und wir die Köpfe wieder heben, blicken wir schon auf die vorgelagerte Ortschaft Deir Dscharir, die sich gemütlich an den Hang schmiegt. An den Häuserfassaden weisen Plaketten mit dem Drachentöter Sankt Georg die Christen aus, die hier mit Muslimen Tür an Tür wohnen. Noch einen Hügel hinab, eine Straße hinauf, und wir stehen vor der Mikrobrauerei.

Während Nicolas und Martin sich auf die Kostproben des Taybeh-Bräus stürzen, will Anwar nicht mal die alkoholfreie Version probieren. Immerhin sei er Muslim. Die Tochter des Brauherrn allerdings sagt: »Wenn hier wirklich nur Christen Bier trinken, hätten wir andere Verkaufszahlen.« Auch die beiden Amerikanerinnen in unserer Gruppe halten sich zurück. Kim flüstert: »Die Brauerei exportiert nach Israel.« Für viele Palästinenser kommt der Handel mit dem Besatzer einer Akzeptanz des Status quo gleich.

Anschließend streifen wir noch durch die Ruine der Kirche Al Chidr; auch sie ist dem heiligen Georg gewidmet. Das zerfallene Gemäuer stammt aus byantinischer Zeit. Anwar lässt Schmuckstücke durch seine Finger gleiten, die jemand mit Kerzen und einem zerfallenen Blumenstrauß zu einer Gedenkstätte arrangiert hat. »Das ist echtes Gold! Und keiner nimmt es mit!« Die Marienfiguren aus Plastik lächeln irre. Im Zwielicht des abklingenden Unwetters erscheinen sie archaisch wie Voodoopuppen. Wie soll man das einem Anhänger des modernen Islams erklären?

Zum Abschied umarmen sich alle. Anwar fährt nach Duma zurück. Wir anderen nach Jerusalem oder Tel Aviv. Unseren düsteren zehnten Mann lassen wir irgendwo im Schatten des Sperrwalls stehen.

(erschienen in Die Zeit)