Der Zoo von Kalkilja war einst ein Besuchermagnet in Palästina. Heute kämpft der Chef-Veterinär für die Zukunft des Parks. Seinen Tieren beschert er den großen Auftritt, über den Tod hinaus.

Zoo Zeitzum pdf der Story in Die Zeit...

Mit dem Tod seiner Schützlinge ändert sich für den Tierarzt Sami Chader nur die Art der Fürsorge. Er denkt einfach um. Der Löwe in seiner Obhut schleicht nicht länger hinter Gittern von einer Ecke in die andere. Er steht jetzt mit gefletschten Zähnen über dem Zebra. Etwas unsicher wirkt er in seiner Jägerrolle. Das muss man ihm nachsehen; er ist ja nicht mehr so beweglich. Sein Zahnfleisch ist kaugummirosa lackiert, die Puppenaugen sind aufgeklebt. Der Löwe starb an Altersschwäche. Anders als das Tier zu seinen Füßen. Das Zebra, das seine Läufe von sich streckt, als wäre es erst eingefroren und dann umgekegelt worden, hat während der zweiten Intifada zu viel Tränengas geschluckt.

Das Fell des Bären fühlt sich stumpf an wie ein durchgesessener Sofabezug. »Näher ran!«, ruft Sami Chader. »Umarmen Sie ihn jetzt – umarmen Sie ihn richtig. Tanzen Sie mit ihm!« Man tut ihm den Gefallen, hält den Atem dabei flach. Auf den Händen bleibt ein klebriger Film zurück. Die Brauen des 55-Jährigen hüpfen vor Freude: »Willkommen in Kalkilja, willkommen im ältesten Zoo Palästinas!«

Sami Chader ist nicht verrückt – oder jedenfalls nicht verrückter als die Verhältnisse um ihn herum. Er versucht einfach, aus der Not eine Tugend zu machen. Das Naturkundemuseum hat er die von ihm geschaffene Abteilung des Zoos genannt. Hier flickt und stopft er gegen das Unvermeidliche an, als Hüter und Archivar des Lebens, wie er sich selbst sieht.

Wenn Menschen Krieg führen, leiden auch die Tiere in den Zoos. Manche werden von Fliegerbomben zerrissen, andere von betrunkenen Soldaten niedergeballert oder von einer hungrigen Meute geschlachtet. Oder sie verenden in ihren Käfigen, weil ihre Pfleger plötzlich andere Sorgen haben. Dieser Zoo hat eine besondere Geschichte.

Er sollte ein Ort des Friedens werden für die Familien im geteilten Land, für Araber und Juden. Vor 30 Jahren hat der Bürgermeister von Kalkilja ihn anlegen lassen. Der Safari-Park bei Tel Aviv und der Bibel-Zoo in Jerusalem spendeten Tiere. »Ein Juwel in der Krone Palästinas«, hieß es bei der Eröffnung 1986. Anfangs wurde der Tierpark der Besucherflut kaum Herr. Das ursprünglich zwei Hektar große Gelände breitete sich bald auf das Fünffache aus. Doch die Tiere saßen gerade ein Jahr in ihren Käfigen, als sich die Palästinenser das erste Mal mit Steinen gegen die israelische Herrschaft erhoben.

Heute ist nicht nur um das Zoogelände von Kalkilja eine Mauer gezogen. Die ganze Stadt mit ihren 43 000 Einwohnern ist von einem israelischen Sperrwall umgeben. Der einzige Zugang im Osten wird von Soldaten bewacht. Je nach Perspektive steht die acht Meter hohe Mauer für Schutz oder Strafe. Aus Kalkilja im Westjordanland kamen während der zweiten Intifada besonders viele Selbstmordattentäter. Chaders Reich ist ein kleines Gefängnis im großen.

Aber er hält tapfer am Traum von damals fest. Er möchte den Zoo erhalten, erweitern, ihn zu einem weithin bekannten Ort der Bildung und Zerstreuung machen. Momentan befinden sich auf dem Gelände außer den Gehegen noch ein Vergnügungspark, ein Restaurant und zwei weitere improvisierte Museen neben dem für Naturkunde, durch das der Veterinär jetzt führt. Heute ist Samstag, Familientag. Ein bunter Haufen aus Zuckerwatte schleckenden Kindern, flanierenden Müttern und Teenies, die sich mit ihren Smartphones vor den Gitterstäben fotografieren.

Alleinstehende Männer haben heute keinen Einlass; die Frauen sollen sich unbedrängt bewegen können. Das hat Hamas verfügt. Kalkilja war die erste Stadt, die bei den Kommunalwahlen 2006 ein Hamas-Mitglied zum Bürgermeister wählte. Die Einhaltung dieser Regel wird anscheinend genau überwacht.

Zwei Bodyguard-Typen in Freizeitkleidung schlendern heran: »Hat Sie jemand belästigt?« Sie erkennen Chader und drehen ab. Als sie wieder im Gedränge verschwunden sind, sagt der Tierarzt: »Ich will nicht über Politik sprechen, aber seit Hamas in der Stadt ist, geht es dem Zoo besser. Diese Leute kümmern sich.«

Der Star von Kalkilja ist ein lebendiger Braunbär. Ein engmaschiges Gitter trennt Tier und Mensch. »Er hat seine eigene Frau zur Hälfte gefressen«, sagt der Arzt, und er weiß auch, wieso: »Weil sie nicht wollte.« Er klatscht sich auf die Schenkel: »Sie wollte keinen Sex – Frauen!« Dann klingelt sein Telefon, und er muss sich von der eigenen Frau beschimpfen lassen, weil er nicht zum Essen nach Hause gekommen ist. »Frauen!«, ruft Chader erneut.

Die Reste des Bärenweibchens hat er nicht ausgestopft. Aber in seiner Gefriertruhe wartet noch viel Arbeit. Das Schattenreich des Zoos liegt hinter einem rostigen Metalltor. Chader schließt die heitere Menge hinter sich weg und führt in das Herz der Anlage: seine Ambulanz, di gleichzeitig als Werkstatt dient. Hier hängen die Beile und Messer, mit deren Hilfe er die Tiere für die Dauerausstellung vorbereitet. Darunter schimmert matt der Stahl eines Operationstischs, mächtig genug für einen Elefanten. Feierlich öffnet Chader den ersten Kühlraum: Salatköpfe, Gurken. Bevor er die Tür zur zweiten Kammer entriegelt, bittet er zurückzutreten. Eisnebel zischt uns entgegen. Rechts im Raum liegen haufenweise gefrorene Fische für den Bären. 300 Euro gibt der Zoo täglich für Futter aus – viel Geld in einer Stadt ohne Wirtschaft. Früher galt Kalkilja als Obstkorb Palästinas. Aber durch die Mauer sind die Bauern von ihren Äckern abgeschnitten. Links klebt gefrorenes Blut am Boden. Im Schummerlicht sind in den Regalen organische Formen auszumachen, hinter Sackleinen verborgen. Bis zu zehn Jahre lang konserviert Chader hier seine Kadaver, den Rohstoff für das Naturkundemuseum.

Kalkilja liegt isoliert im palästinensischen Autonomiegebiet an der Waffenstillstandslinie von 1949, die Israel und seine Nachbarn nach dem Palästinakrieg mit grüner Tinte über die Karte zogen. Seit dem Bau der Mauer wirkt die Stadt wie ein Stück Niemandsland zwischen zwei Welten. An klaren Tagen kann Chader von einer Anhöhe aus die Wolkenkratzer von Tel Aviv erkennen. Da drüben, in Israels Partyblase am Meer, lässt man sich nachmittags durch die Cafés treiben, joggt am Strand, sieht den Kitesurfern zu, und in den Nächten feiert man in Electro-Clubs, statt sich Gedanken über den fortwährenden Konflikt zu machen. Die Bewohner von Kalkilja dagegen werden sogar beim Zoobesuch an ihre Notlage erinnert. Jeder Versorgungsengpass hat den Umzug einzelner Tiere aus den Gehegen ins Museum zur Folge, von den Lebenden zu den Toten.

Von Tel Aviv nach Kalkilja sind es nur 20 Kilometer. Und doch fühlt sich die Reise von der Küste in die ummauerte Stadt an wie eine Expedition auf einen anderen Kontinent. Nicht mal die Frau von der Tankstelle im Grenzgebiet weiß, wo genau es nach drüben geht. Sie war noch nie in Kalkilja. Warum auch? »Da gibt es nichts zu sehen, und gefährlich ist es auch.« Vom Zoo hat sie nie gehört.

Die Taxifahrt durch die Einöde zwischen den Hoheitsgebieten dauert fünf Minuten. Das palästinensische Areal erkennt man schon von Weitem an den schwarzen Wassertanks, die wie riesige Insekteneier auf den Dächern der Stadt kleben. In israelischen Siedlungen benutzt man weiße Tanks. Ein Code, für den jeder, den man fragt, eine andere Erklärung findet. Die meisten Einwohner Kalkiljas sind Nachkommen von Flüchtlingen aus dem Israelischen Unabhängigkeitskrieg. Der Zoo beschäftigt 43 Menschen. Das macht ihn schon zum größten Arbeitgeber der Stadt. Wenige Minuten nachdem das Taxi den israelischen Kontrollpunkt an der Stadtmauer passiert hat, hält es vor einer zweiten hohen, mit Stacheldraht gekrönten Wand. Den Eingang zum Zoo verstellen junge Männer, die Luftballons und neongrüne Getränke verkaufen. Reisebusse karren Familien und Schulklassen aus dem Umland heran, aus Nablus im Osten, aus Tulkarm im Norden. Manchmal sind es in einer Woche 150 Busse mit Menschen auf der Suche nach Zerstreuung.

Die Stahlschlaufen einer alten Achterbahn ragen über die Mauer hinaus, ihr verblichener Anstrich erinnert an die Pastelltöne alter Farbfotos. Ab und zu rattert ein einzelnes Wägelchen über die Schienen, begleitet von wehenden Schleiern und Frauenkreischen. Hinter der grauen Mauer, unter einem Graffito von Arafat mit lässiger Sonnenbrille, türmen die Mütter Chips und Hummus aus Kühltaschen auf Picknicktische. Junge Frauen tragen Make-up, so dick, dass es an den Lippen bröckelt. Die Schläuche der mitgebrachten Wasserpfeifen klemmen lässig zwischen ihren manikürten Fingern. Der Fahrtwind der Kirmes-Geschäfte lüftet Hidschabs und streichelt Nacken. Ein Hauch von Freiheit im eingesperrten Land. Alle paar Minuten scheppert es aus den Lautsprechern. Eine rüde Stimme fordert zum Gebet auf, aber niemand scheint hinzuhören. So wie keiner auf den Putz achtet, der von den Wänden blättert, den Rost, der an den Gehegen nagt, das Nilpferdbecken, in dem die Algen bald das Wasser aufgesaugt haben – oder den kahlen Beton, auf dem die Wölfe kauern.

Der Niedergang des Zoos begann mit der zweiten Intifada, als immer wieder Selbstmordattentäter von Kalkilja aus über die Grüne Linie zogen und Israel die Mauer baute. Nachdem an einem Feiertag im Jahr 2003 ein spielendes Kind vor dem Zooeingang einer achtlos abgefeuerten Salve israelischer Soldaten zum Opfer fiel, begannen auch die Anwohner, den Zoo zu meiden. Immer wieder flogen Granaten und Querschläger durch die Gitter.

Brownie traf es zuerst. In der Nacht, als das Feuer der Gefechte die Gehege erhellte, rannte der Giraffenbulle panisch umher, bis ihn ein eiserner Deckenbalken fällte. »Wenn eine Giraffe am Boden liegt, stirbt sie«, erklärt Chader. »Der Blutdruck im Kopf bewirkt den sofortigen Tod.« Mit Brownie begann die zweite Karriere des Veterinärs. Er musste nun regelmäßig häuten, salzen, stopfen, nähen. Raubtiere, Reptilien, Vögel – wenigstens diese Opfer sollten nicht einfach unter der Erde verschwinden. Heute reckt der Giraffenbulle seinen klumpig gestopften Hals aus einem Gitterkäfig ins Freie. Sein Maul ist verzerrt wie nach einem Schlaganfall. Wo einmal ein Glasauge gesessen haben muss, steckt inzwischen ein grünes Stück Plastik. »Er war eine nervöse Giraffe«, sagt Chader. Ganz im Gegenteil zu Ruti, die immer mit klimpernden Wimpern nach Süßigkeiten heischte. Doch als das hochschwangere Weibchen seinen Partner sterben sah, verlor es das Junge in seinem Leib. »Eine Woche lang weinte sie«, sagt Chader, der die Tränen zwischen ihren dunklen Wimpern quellen sah. Dann ging sie, dem Arzt zufolge, an ihrer Trauer zugrunde.

Brownie wurde posthum zum Star, als der österreichische Künstler Peter Friedl die präparierte Giraffe 2007 auf der Documenta in Kassel ausstellte. Er sah in ihr ein Symbol für die Opfer des Nahostkonflikts. Chader freute sich über die Aufmerksamkeit und rechnete mit Spenden für seinen Zoo. Doch schließlich reiste Brownie zurück nach Palästina, ohne Geld für seine Heimat eingespielt zu haben. Chader ist allerdings niemand, der sich lange mit Misserfolgen aufhält. Wenn eine Geschichte traurig endet, reicht er eine lustige nach. Diesmal ist es die von den drei mähnenlosen, aber immerhin lebendigen Löwen, die müde in die Blitzlichter der Besucher blinzeln. Ein Schild am Gehege erklärt, dass es sich hier um eine spezielle Rasse handelt, die kein wildes Haupthaar trägt. Die Wahrheit mitzuteilen brachte Chader nicht übers Herz: Der israelische Zoo hatte ihm kastrierte Tiere überlassen.

Verzichten möchte er auf die entmähnten Raubtiere dennoch nicht – zumal jede Neuerwerbung einen abenteuerlichen Spießrutenlauf durch die Grenzkontrollen mit sich bringt. Wenn Chader rauswill aus der Stadt, braucht er Genehmigungen und Geduld. Wenn er zurückwill mit Tieren im Schlepptau, braucht er noch mehr Genehmigungen und noch mehr Geduld. Einmal ließ sich Chader dabei von einem Backpacker mit der Kamera begleiten: »Das können Sie sich auf YouTube anschauen.« In diesem Film will er ein Pavianpaar aus einem aufgegebenen Freizeitpark in Nablus holen: Um die Checkpoints auf dem Hinweg zu passieren, hat er sich ein ärztliches Attest geben lassen und einen Krankenwagen geliehen. Der Tierarzt tarnt sich als Patient. »Komische Situationen erfordern komische Maßnahmen«, sagt er in die Kamera. »Es geht mir um die Tiere. Die kennen keinen Unterschied zwischen Israel und Palästina.« Auf dem Rückweg wechselt er die Rolle. Er sitzt jetzt in einem Gemüse-Transporter – mit zwei betäubten Affen. Als die jungen Checkpoint-Soldaten mit ihren lässig unter der Hüfte baumelnden MGs die Ladung kontrollieren wollen, improvisiert Chader. Jetzt ist er wieder Tierarzt, sein Stethoskop dient als Beweis. Die Odyssee geht noch eine Weile weiter, bis Affen und Arzt auf getrennten Wegen den Zoo erreichen. Einer der Soldaten erklärt in die Kamera: »Wenn wir jedem alles glauben, fliegt in Tel Aviv wieder ein Bus in die Luft. Es ist eben eine Scheißsituation: Entweder wir oder die.«

Mitunter schüttelt Chader selbst den Kopfüber all die Absurditäten, mit denen er zu kämpfen hat, weil er seinen Traum vom Zoo nicht loslassen mag. Er hat einen bequemen Job in Saudi-Arabien aufgegeben, um in seine Heimat zurückzukehren. Seine Vorfahren stammen aus der alten Hafenstadt Jaffa, die Tel Aviv längst geschluckt hat. 1948, während des Unabhängigkeitskrieges, mussten Tausende von Palästinensern ihre Häuser aufgeben. Auch die Chaders flohen und bauten sich in Kalkilja ein neues Leben auf. Bis der Sechstagekrieg sie knapp 20 Jahre später erneut zur Flucht zwang: Vater, Mutter, der kleine Sami und vier Geschwister. Die Hälfte aller Gebäude der Stadt wurden damals zerstört. Nach der Heirat 1984 zog Sami mit seiner Frau Sara weiter nach Saudi-Arabien, der besseren Löhne wegen. Tagsüber arbeitete er als Veterinär für eine Geflügelfarm, nachts ging er einer neuen Leidenschaft nach und brachte sich in der tiermedizinischen Abteilung der King-Faisal-Universität das Ausstopfen bei. Es waren die Jahre, in denen der Zoo florierte und der Bürgermeister den Lehmbau für ein Museum auf dem Gelände errichten ließ. Er suchte einen Tierarzt und einen Kurator und fand in Chader beides. Ein Jahr vor dem Ausbruch der zweiten Intifada war Chader zurück in Kalkilja.

Heute vermitteln die Gewölbe unter den Kuppeln eine düstere Geborgenheit. Scheinwerfer beleuchten den rot lasierten Lehmputz. Im Gegensatz zu den blutleeren Tieren davor wirken die Wände fast lebendig. Ein paar Räume weiter hat Sami Chader dem Park vor Kurzem eine weitere Attraktion hinzugefügt: das »Museum für alles«, eine bizarre Mischung aus Exponaten, die dem Motto des Veterinärs folgt: »Wir machen alles aus nichts.« Die Schau beginnt mit einem Vulkan, aus dem Leitungswasser blubbert. Ein kamelgroßer Tyrannosaurus Rex trägt eine Glühbirne im Maul. Knapper lässt sich die Weltgeschichte nicht zusammenfassen. »Ich will den Palästinensern etwas bieten«, sagt Chader. »Ihnen Dinge zeigen, die sie in ihrem Alltag nicht sehen können.« Wie die Föten von Bär und Esel und das Schaf mit den zwei Köpfen und zwei Schwänzen, eingelegt in Einmachgläsern, liebevoll auf Kunstrasen drapiert. In einer Ecke liegt ein braunes Häufchen, ein nach altägyptischer Art mumifizierter Pferdeembryo. Zwei kleine Mädchen in Sonntagskleidern stehen davor, die Augen weit aufgerissen, und halten sich bange an den Händen.

Nur eineinhalb Ausstellungsmeter trennen den Saurier von den Zeugnissen der jüngsten Geschichte. In einer Vitrine präsentiert der Arzt Granatensplitter, die er seit seinem Dienstantritt im Park zusammengeklaubt hat. »Hier kommt nichts weg«, sagt Chader. Nicht einmal das mürbe Präparat einer Würgeschlange, das aussieht wie eine kaputte Regenrinne. Im Nachbarraum steht eine pummelige Weltraumrakete, konstruiert aus einem Ölfass und Abwasserrohren. Auf ihren Tragflächen prangt die palästinensische Flagge. In Chaders Auffassung von Museumspädagogik hängt eben alles irgendwie zusammen: Beute und Greifer, Forschungsrakete und Granate, Poesie und Naturwissenschaft, Leben und Tod. Nach einem Tag im ältesten Zoo Palästinas findet man all die starrenden Puppenaugen gar nicht mehr anstößig: Sie erzählen ihre eigene Geschichte. Und wem das nicht genügt, der bekommt noch eine dazu.

Draußen versammeln sich die letzten Besucher vor dem Bärenkäfig, bevor sie wieder in die Busse steigen. Familienväter triezen das Tier mit glitzernden Bonbonpapierchen. Söhne johlen, Töchter kichern. Der Bär fiepst, statt zu knurren. Als er sich unvermittelt aufrichtet und sein Schatten auf die Menschen fällt, hat man eine Ahnung davon, wie mächtig er sein könnte. Doch er greift nur nach der Plastikplane, die an der Käfigdecke im Wind tanzt. Und lässt sich schon wieder fallen, bevor er es richtig versucht hat. Sein letzter Auftritt wird größer sein. Dafür wird Sami Chader sorgen.

(erschienen in Die Zeit)