Tradition, Kampfgeist und Buddhismus: Der Boxsport Muay Thai ist ein Stück thailändischer Identität. In einem Institut in Bangkok trainieren Touristen wie die Profis.

Vom-Alten-Schlag zum pdf der Story in Die Zeit

Türkis, Rot und Gelb: Ich lerne schnell, das sind die Farben des Schmerzes. Das Türkis des Hallenbodens, auf dem ich jeden Tag stundenlang um einen imaginären Gegner tipple, schreit: Wunde Sohlen! Das Rot der Sandsäcke, die schwer von der Hallendecke baumeln, lässt mich den Aufprall meines Beins schon spüren, bevor ich es hochschleudre. Zuletzt das Kanariengelb des Hemds meines Meisters, der meinen Schmerz im Takt der Zahlen verwaltet: »Neung, song, saam...!« – »Eins, zwei, drei!«.

Lange halte ich auch das »Kading!«für Thailändisch, das immer kommt, wenn ich meine müden Arme sinken lasse. Nach Tagen erst erkenne ich den englischen Boxslang: »Guarding!« – »Deckung!« Ebenso wie: »Schenka!« – »Change guards!«: andere Faust nach vorn. Dazwischen ein geknurrtes »Mmm«, wenn ich mal etwas nicht ganz falsch mache.

Ich bin in einer Boxschule in Rangsit, einem Vorort weit im Norden von Bangkok. Eine Woche lang will ich hier Muay Thai lernen, den Nationalsport Thailands und zugleich einen der härtesten Boxstile überhaupt – im Gegensatz etwa zum Kickboxen sind hier auch Schläge mit Ellbogen und Knien erlaubt.

Für Thailänder ist dieser Sport ein wichtiges Stück ihrer Identität. Jedes Kind auf der Straße kann die Legende des Soldaten Khanom Tom erzählen, der 1767 vom burmesischen König gefangen genommen wurde. Der Herrscher versprach ihm die Freiheit, sollte er sich gegen zehn Kämpfer behaupten – was ihm dank seiner Muay-Thai- Künste auch gelang. Ihm zu Ehren feiern die Thailänder noch heute an jedem 17. März eine »Boxernacht« in den Stadien des Landes.

Ich will herausfinden, was diesen Sport ausmacht, und hoffe, auch das Land dadurch besser zu verstehen. Doch als ich am ersten Tag die Eingangshalle des Muay Thai Institutes betrete, kommen mir Zweifel: Aus Hunderten gerahmter Fotos schauen Thailands beste Kämpfer der Gegenwart und Vergangenheit auf mich herab – sehr grimmig, mit geballten Fäusten und ausgezehrten Oberkörpern. Ich habe noch nie Kampfsport gemacht; frage mich plötzlich, worauf ich mich hier eingelassen habe. Lass dir nicht die Nase brechen, haben mich Freunde zu Hause im Scherz gewarnt. So abwegig scheint mir das nun nicht mehr.

Die zweite Ernüchterung ist mein Stundenplan: 7 bis 9 Uhr und 15 bis 17 Uhr. Noch mehr als Blessuren fürchtete ich die Langeweile: In Rangsit gibt es keinen Strand und keine Bars. Das Institut liegt an einer Schnellstraße, gesäumt von Werkstätten, in denen Autodächer zusammengeschweißt werden. Außerdem sind da eine Reihe von Garküchen, ein Großhandel und ein chinesischer Tempel. Die Parkplatzwächter tragen Papiermasken gegen den Feinstaub.

Schon am Ende des zweiten Tages aber weiß ich, wie sehr ich die sechs Stunden Pause zwischen den Einheiten brauche. Mein Körper ist müde wie noch nie, verlangt nach Kalorien und sehr viel Wasser. Zwei Stunden Training im Monsunmuff ohne Klimaanlage – das fühlt sich an wie ein Halbmarathon im Hüpfschritt.

Rasch finde ich ins tägliche Ritual hinein: Statt Frühstück eine Tasse Nescafé, anschließend die immer feuchten schwarzen Knöchelstützen überziehen und ins Raschelhöschen schlüpfen – ein Stückchen Stoff in Königsblau mit Goldlettern über dem Schritt, die ich nicht mal lesen kann. Hinunter in die Halle, Verbeugung vor dem Meister, entspanntes Warmlaufen um die zwei Boxringe, während Vögelchen unter der Decke flattern und die Regenzeitsonne trüb durch die Fensterluken blinzelt. Nun das weniger entspannte Warmspringen auf einem alten Lkw-Reifen.

Dann Linke, Rechte, Ellenbogen, vorwärts, rückwärts, seitwärts trippeln. Zehnmal das Ganze. Uppercut und Schwinger. Später kommen die Blocks zur Verteidigung dazu, Kicks und Fußstöße. Die Kombinationen werden komplizierter. Manchmal gebe ich mir selbst eins auf die Nase.

Nach einer Stunde, nur unterbrochen von meinem Lieblingswort »Naam!« (Wasser), wickle ich mir die Bandagen um: Lege die meterlangen Bänder im festgelegten Muster um die Handgelenke und Finger, ziehe die Boxhandschuhe darüber.

Dann Kicks und Schläge gegen den garstigen Sandsack, der nicht nachgeben will. Wieder und wieder dresche ich auf ihn ein, bis ich die Arme hochreißen muss, um Luft in die Lunge zu zwängen. Zum Abschluss schnelle Folgen von Schlägen gegen die Pratzen des Meisters.

Zurück in meiner schlichten Zelle über der Boxhalle, stelle ich mich unter die Dusche, mitsamt der schweißnassen Kleidung – waschen muss ich sie sowieso. Danach mache ich es wie die Profis: Außerhalb des Trainings keinen Schritt zu viel. Ich setze mich aufs Bett, stopfe Nüsse und Kekse in den Mund, ehe die Erschöpfung mich überfällt.

Das Nickerchen gerät jedes Mal zum Dreistundenschlaf, aus dem ich mich benommen aufrappele, um zwischen den Freiluftküchen des Viertels umherzustreifen. Ich liebe Currys und scharfen Papayasalat. Als Trainingskost scheint mir das jedoch gewagt. Stattdessen halte ich mich an Pad Thai, gebratene Nudeln mit Ei.

Von Einheit zu Einheit wechselt der für mich zuständige Meister. Sechs Trainer hat das Institut insgesamt, der oberste ist Meister Moa, Mitte 30, ein Schwergewicht mit vollen Wangen. Als Kind – so erzählt er – war er fett und spielte am liebsten mit Puppen. Deswegen schickte der Vater ihn zum Boxen. Moa hasste es. »Ich habe jeden Tag geweint.« Doch nach zwei Jahren Schattenboxen räumte er als Teenager einen Titel nach dem anderen ab, war wie die anderen Trainer viele Jahre Profiboxer.

Moa ist ein kleines bisschen sadistisch. Er erklärt mir, es gebe drei Boxstile: Monkey, Girlie, Beautiful. Ich läge zwischen Affe und Mädchen. Wenn ich sage: »Pause, bitte!«, sagt er: »Ist mir egal.« Er stellt die Uhr beim Sandsackkicken. »Neung, song, saam, si...« Lasse ich einen Takt aus, stellt er die Uhr noch mal. Aber ich bin ihm nicht böse, genieße es fast, die Verantwortung über meinen Körper abzugeben. Ich denke: nichts. Meine Welt hat bald nur noch zwei Etagen: Trainingshalle, Zimmer. Auspowern, wegdämmern.

Manager der Schule ist Mr. Bird, der eigentlich Phoemsakul Kesbamrung heißt. Sein Vater gründete vor zwanzig Jahren das Muay Thai Institute. Heute unterrichten die Trainer hier jedes Jahr ein paar Hundert Einheimische und Ausländer. Mr. Birds Vater war auch der Erste, der Frauen trainierte. Im Stadion von Rangsit fanden ihre ersten Wettkämpfe statt. Im altehrwürdigen Ratchadamnoen-Stadion oder in der großen Lumpini-Arena dagegen dürfen Frauen bis heute nicht in den Ring steigen. Und das, obwohl der Sport bei jungen Thailänderinnen im Trend liegt. Ganz verstehe ich die Erklärung von Mr. Bird nicht, sie hat mit Menstruation und Aberglauben zu tun.

Trotz der frauenfreundlichen Tradition des Instituts lässt mich Meister Moa jedes Mal unter dem untersten Seil des Boxrings durchkriechen – die Männer dürfen darübersteigen. Das fühlt sich ziemlich erniedrigend an, egal, ob Moa das steife Seil höflichkeitshalber ein paar Zentimeter nach oben hält oder es zum Spaß noch weiter nach unten drückt.

Die Tage verschwimmen. Bald ist es mir nicht mehr peinlich, wenn mich meine Goldhose aus dem Spiegel anblinkt. Im Gegenteil: Inzwischen merke ich, wie sich meine Bauchmuskeln spannen, sobald ich die pompöse Kluft trage. Meine Knöchel seien gute Waffen, sagt Meister Sigh, als er meine Fäuste mustert. Spitz wie die seinen. Und ich lächle erfreut über dieses seltsame Kompliment. Auf 222 gewonnene Kämpfe kann der 68-Jährige zurückblicken. Vier hat er verloren, einmal Knockout. Es gibt keine Gürtel oder Ränge im Muay Thai, es zählen nur Siege.

Wenn ich es nach der Nachmittagsstunde schaffe, mich nicht gleich hinzulegen, wandere ich entlang der Schnellstraße. Touristen begegne ich nicht, nur Fabrikarbeitern auf dem Heimweg. Mein Ziel ist ein kleines Massagestudio, zwei Stunden dort kosten 300 Baht, keine zehn Euro. »Ach, du kommst vom Institut«, stellt die Masseurin fest, »deswegen bist du so verspannt!«

Nach jeder Trainingseinheit lehrt uns Meister Moa im Ring den Wai Khru, einen zeremoniellen Tanz, den die Boxer im Stadion vor dem Kampf aufführen. Wir, das sind heute zwei thailändische Jungs, deren Mütter das Training mit dem Smartphone dokumentieren, außerdem Jipé, ein Pariser Psychologiestudent mit kambodschanischen Wurzeln, Alexej, ein kahlköpfiger Russe mit stählerner Brust, über der er eine Netzweste mit Tarnfleckmuster trägt – und ich.

Aus der Anlage erklingt eine durchdringende Melodie – sie gibt dem Wai Khru das Tempo vor. Erstaunlich grazil sinkt der massige Moa auf die Knie, schwingt die Arme wie ein Schwan die Flügel, zielt mit imaginären Pfeilen auf den Feind, zerstampft ihn und – meine Lieblingsstelle – greift pantomimisch Staub vom Boden und verteilt ihn wie Puder auf dem Gesicht, bevor er sich vor der als Spiegel vorgehaltenen Hand die Haare kämmt. Dann kann er einen Witz nicht lassen, ruft: »Mascara, Mascara!« und tuscht sich noch mit dem Finger die Wimpern, was im Ritual natürlich nicht vorgesehen ist. Ein Seitenhieb auf mich, die einzige Frau heute. Eigentlich geht es beim Wai Khru aber sehr ernsthaft zu, er verkörpert die spirituelle Seite des Sports und ist ein Zeichen des Respekts – vor König und Vaterland, aber vor allem vor dem Trainer.

Jeder Meister brachte seinem Schüler ursprünglich eigene Tanzschritte bei, um den Segen für den Sieg zu erbitten, sich aufzuwärmen, aber auch um Gelände und Sonnenstand zu prüfen – und mit wachem Blick auf den ebenfalls tanzenden Gegner dessen Schwächen zu erahnen. Für den Wai Khru setzt ein Meister seinem Schüler heute noch einen Kopfschmuck auf, den Mongkon. Ein Stirnreif, einst geflochten aus der Kutte eines Mönchs, heute in allen Farben im Kampfsportbedarf erhältlich. Der Mongkon ist ein Glücksbringer und wird wie ein Heiligtum behandelt. Wenn er den Boden berührt, verliert er seine Kraft.

Dass der Sport so eng mit dem Buddhismus verbunden ist, hat einen einfachen Grund: Bevor es Boxställe gab, lehrten Mönche in Tempeln die Urform des Muay Thai. Da sie sich als Erzieher des Volks sahen, brachten sie den Schülern zugleich religiöse Rituale und strenge Ethikvorstellungen bei.

Nach sechs Tagen sagen die Meister, ich sähe müde aus. Insgesamt 22 Stunden habe ich nun trainiert. Mein rechter Fußballen ist eine einzige Wasserblase. Zur Belohnung nimmt mich Mr. Boyd, der große Bruder von Mr. Bird, abends mit ins älteste Stadion von Bangkok: das Ratchadamnoen.

Etwa 850 000 professionelle Kämpfer soll es in Thailand geben; die meisten von ihnen Bauernkinder, die sich aus der Armut herauszuboxen hoffen. Denn in den Stadien von Bangkok lockt das große Geld: Die Top 10 der Kämpfer stecken schon mal ein paar Hunderttausend Baht ein, ein paar Tausend Euro, nur fürs Antreten.

Auch Mr. Boyd hat als Jugendlicher gekämpft, aber dann doch lieber Architektur studiert: »Bei Frauen macht es nicht gerade Eindruck, wenn man sagt, man ist Nak Muay.« Trotzdem lässt ihn der Sport nicht los, er moderiert inzwischen Fernsehübertragungen aus dem Stadion.

Heute Abend finden neun Kämpfe statt, wir trudeln beim fünften ein. Mr. Boyd hat mir einen Platz direkt am Ring besorgt, für 50 Euro. Ich ärgere mich ein bisschen, denn hier sitzen fast nur Touristen, knabbern Popcorn und trinken Bier aus Strohhalmbechern. Viel mehr interessiert mich das Geschehen auf den hinteren Rängen: Glücksspiel ist in Thailand illegal – außer im Stadion. Und Thailänder, sagt Mr. Boyd, sind leidenschaftliche Spieler. »Wenn eine Kakerlake über die Straße läuft, finden sich garantiert zwei Leute, die darauf wetten, welche Richtung sie einschlagen wird.« Während die Kämpfer im Wai Khru durch den Ring tanzen, begleitet von einem Orchester aus Flöten und Schlaginstrumenten, und in alle Himmelsrichtungen beten, sieht man immer wieder Männer im Publikum mit den Händen fächeln und Zeichen geben. Das sind die Spielmacher, die zum Wetten auffordern.

Kaum hat der Gong die erste Runde eingeläutet, ist der Kampf auch schon vorbei. Knock-out durch Ellenbogen. Ich sehe nur noch, wie der Mundschutz eines Kämpfers durch den Ring fliegt. Der Gefallene wird bewusstlos auf einer Trage abtransportiert. Gibt es keinen Knock-out, dauern die fünf Runden inklusive Pausen etwa eine halbe Stunde. Die echten Fans lassen angedeutete Fäuste fliegen und die Knie hochschnellen, wenn die Kämpfer sich in der Schraubstock-Umarmung des Clinchs mit den Beinen attackieren. Die anderen sind mit den Augen bei den Spielmachern. »Vielleicht fünf Prozent der Leute kommen, um den Kampf zu sehen«, glaubt Mr. Boyd.

Mich fasziniert der Tanz der Kontrahenten: Wie sie sich mit wippendem Vorderfuß belauern, Fäuste und Beine so exakt herausschießen lassen, dass ich nur am Nasenbluten ihre Wucht erahne. Einerseits. Andererseits stößt mich das Spektakel auch ab. Bald steigert sich die getragene Melodie des Orchesters zu einem Kreischen, das vom Publikum fast noch übertönt wird mit »Oii«-Rufen und Flüchen über verlorenes Geld. Die Ästhetik wird überlagert vom Gefühl, einem Hahnenkampf beizuwohnen, in dem die Sportler nur Marionetten sind, die so oder so Federn lassen müssen.

Tag sieben. Zu meinem letzten Morgentraining empfängt mich Meister Moa mit einem freudestrahlenden: »Sparring! Kill!« Am Nachmittag soll ich das erste Mal gegen meinen Meister antreten. Ich versuche, mich zu schonen, um später alles zu geben. Aber Moa lässt mich um den Boxsack hüpfen, bis mir schwarz vor Augen wird.

Stunden später liegen im Ring gewaltige Beinschoner, eine Polsterweste und Boxhandschuhe in Luftballongröße. Beim Sparring soll sich keiner verletzen. Ich stehe in dieser weichen Ritterrüstung da wie ein Kind im zu großen Skianzug. Aus den Augenwinkeln sehe ich die kritischen Blicke von Jipé und Alexej. Die beiden trainieren seit Wochen. Ein Buch schreibt man auch erst, wenn man die Buchstaben gelernt hat, die Wörter, die Sätze, hat Mr. Bird mal gesagt. Aber um so lange hierzubleiben, fehlte mir die Zeit.

Meister Moa und ich gucken uns in die Augen, während wir uns im Spotlight umrunden, und ich versuche, mir vorstellen, wie sich die Kämpfer im Stadion fühlen. Wie wenige Sekunden über das Schicksal ihrer Familie und die Geldbeutel der Zuschauer entscheiden. Solange ich angreife, macht Moa gutmütig mit, lässt sich theatralisch in die Seile fallen. Aber wenn ich schwächle, nimmt er mich unter Beschuss. Die Übungsschläge tun nicht weh, rauben mir aber die Luft. Als ich einen Fußstoß in das Polster über seinem Bauch versuche, bleibt er einfach stehen – und nimmt mein Bein in die Zwinge, bis ich auf dem Boden sitze. Nach einer Stunde kann ich meine Arme nicht mehr heben. Und bin zugleich selig.

Schöne Tradition, Kampfkunst, brutaler Hahnenkampf: Auch an diesem letzten Tag weiß ich nicht, was ich vom Muay Thai halten soll. Aber als ich am Abend wehmütig mein Glitzerhöschen zusammenfalte, weiß ich: Mir wird nicht nur das befriedigende Klatschen meines Schienbeins auf die Pratzen des Meisters fehlen. Sondern vor allem die angenehme Stille im Kopf nach dem Training.

(erschienen in Die Zeit)