Generalschlüssel und Spitzenschürzchen oder Rückenschmerzen und Hungerlohn?  Ich war auf der Suche nach einem schnellen Job und dachte: „Zimmermädchen, das kann jede.“ Ich erlebte den Alltag im Hotel am eigenen Leib – und lernte Menschen kennen, die für wenig Geld viel arbeiten.

Zimmermadchen STZ Fazekas

zum pdf der Story in der Stuttgarter Zeitung

Vier Sterne. Siebzig Türen. Und ich habe die Schlüssel dazu. Im Foyer warten Herren im Anzug. Neben dem Hotel rauscht eine schwäbische Bundesstraße. Hier steigen Geschäftsleute ab, hier werden Konferenzen ausgerichtet. Kein Ort für Urlaub. Meine Uniform ist ein Kittel. Er macht mich unsichtbar. Für einen Tag macht er mich zum Zimmermädchen. Es ist acht Uhr. Wir sind ein schnatternder Trupp. Die Männer stieren durch uns hindurch, als wären wir Luft. Die anderen sind das gewohnt. Irgendwie schaffen sie es, würdig auszusehen, die Plastikkörbe mit Glasreiniger, Schwämmen und Fensterabziehern in den Händen. Ich schäme mich – und weiß nicht wieso. Dabei will ich ein gutes Mädchen sein. „Ein gutes Mädchen“, hatte der Chef der Putzfirma erklärt, „schafft zweieinhalb Zimmer in der Stunde.“ Das ist wichtig, denn wir werden nicht nach Stunden bezahlt. 15 Zimmer täglich, so steht es im Vertrag.

Aber manchmal sind auch nur zehn zu machen. Eines bringt 3,30 Euro – das sei fair in der Branche, sagt Herr M., der Chef mit dem Mondgesicht. „Wenig, werden Sie vielleicht denken, wenn Sie dastehen und eine Türklinke polieren.“ Es gebe Firmen in Stuttgart, die schlechter zahlen. „Manchmal nur 1,50 Euro.“

Der Mann kennt sich aus, auch wenn er nicht weiß, wie viel seine Bediensteten wirklich verdienen. Er will es auch nicht wissen. Die meisten Hotels, darunter auch namhafte Ketten, haben ihre Zimmermädchen aus Spargründen outgesourct. In Baden-Württemberg liegt der gesetzliche Stundenlohn bei 8,40 Euro. Da die meisten Putzkräfte aber zimmerweise entlohnt werden, mit zwei bis drei Euro, erreichen viele den vorgeschriebenen Stundenlohn nie. Ganz zu schweigen von den Wartezeiten, die unbezahlt bleiben.

Heute sind wir fünf. Die Einzige, deren Körper sogar dem Kittelsack Form gibt, ist Maya. Sie wurde mit mir eingestellt und spricht kaum Deutsch. Ihre Haut ist dunkel, und die geglätteten Haare glänzen von Wachs. Im Laufschritt geht es jetzt zum Magazin. Die 30-jährige Galina hat mich unter ihre Fittiche genommen. Schmal ist sie. Fedrig hüpft das Haar auf ihrem Kopf. Sie wirkt wie ein Kolibri, der flink von Blüte zu Blüte surrt. „Schnell, schnell, das ist das Wichtigste“, treibt sie mich an. Treppe hoch, noch ein Gang, Treppe runter. Schon habe ich den Überblick verloren. Es riecht nach Kirschblüten-Magnolien-Raumspray und Fensterreiniger mit Marzipanaroma.

Vor mir schiebt sich Maya durch den Gang, Hüften wiegend, jeder Schritt Gelassenheit. Ich will überholen, zeigen, dass ich arbeitswillig bin und schnell. „Viele kommen nach einem Jahr einfach nicht mehr“, hatte Herr M. gesagt. „Dann gibt’s wieder Arbeitslosengeld.“ Maya hat er schon abgeschrieben, alle wissen es. Nur sie nicht.

„Zimmer 11, Abreise.“ So steht es auf der Liste. „Drei Euro dreißig“, denke ich. Vorhin habe ich mir am Bahnhof eine Fahrkarte gekauft für 2,40 Euro. Kaffee und Butterbrezel im Angebot: 2,20 Euro. „Housekeeping“, rufe ich und klopfe. Sicherheitshalber. Schlaffeuchte Heizungsluft und die herben Überbleibsel eines Aftershaves haben sich zu morastigem Muff verdichtet. Erst einmal lüften und die Vorhänge ordnen. Wir ziehen einen Putzwagen mit uns. Dottergelbe Handtücher, Bettzeug und ein Korb mit den Badezimmerpröbchen.

Das Laken ist gestärkt und duftig-frisch aus der Wäscherei. Ich schüttle es über die Matratze und bin ratlos. Zu Hause benutze ich Spannbetttücher. Galina schlägt das Laken im rechten Winkel um die Ecke. Die Decke beziehe ich selbst und kassiere ein Lob. „Schön flach“, sagt Galina. Aber als ich die Decke aufschüttle, schleift sie über das Laken, bricht die Glätte. Noch einmal von vorn. Zum Schluss streiche ich fast gerührt über den Stoff. „Nicht so viel rumfummeln“, Galina schaut mir kritisch über die Schulter.

Schon seit meinem Vorstellungsgespräch fürchte ich mich vor dem, was jetzt kommt: das Kissen. Wie die leuchtenden Segel eines Zweimasters soll es auf dem Laken sitzen. „Sie haben was im Kopf“, hat der Chef gesagt. „Für Sie ist das ganz simpel.“ Galina bezieht das Kissen, steckt die Finger in die Ohren des Bezugs und stopft die Ecken hinein. Danach pufft sie die Daunen und setzt mit einem sachten Handkantenschlag die Einbuchtung, die es zum Schiffchen werden lässt. Dann rückt sie es diagonal zu dem Kopfende. Zwanzig Minuten sind jetzt schon vergangen. Und erst das Bett ist fertig.

„Das Bad ist halt Putzerei“, sagt Galina. „Da hilft nur eine gewisse Leidenschaft.“ Galina ist Juristin. Sie schafft 18 Zimmer am Tag. „Das hätte ich anfangs nie gedacht“, beruhigt sie mich, „da habe ich fünf geputzt und war platt.“ Mit ihrem dreijährigen Sohn ist sie auf das Geld angewiesen. Bis 16 Uhr kann er in der Kita bleiben. Lieber würde sie in ihrer Branche arbeiten, aber Halbtagsstellen sind rar, sagt sie. Mit dem Putzgeld kommt sie kaum auf 600 Euro, aber sie mag die Arbeit. Meditativ sei das, und sie spare das Fitnessstudio. Um in Übung zu bleiben, schreibt sie abends manchmal nebenbei juristische Gutachten.

„Zimmer 15, Bleibe.“ Das bedeutet, der Gast wohnt noch hier. Mühselig ist es, ein zerwühltes Bett herzurichten. Mein Kissenschiffchen ist vollkommen missglückt. Das Laken räkelt sich auf der Matratze wie der Wischlumpen über meinen Arm. „Du darfst im Raum sonst nichts anfassen“, hat mir Galina eingebläut. Es sei denn, etwas liegt auf dem Bett. Ein knackig grüner Apfel kullert über die Kommode, mein Magen zieht sich zusammen. Ich frage mich, wann wir Mittag machen. Galina ist wie im Fieber. Wie wir alle. „Immer in der Hocke arbeiten, sonst gibt’s Rückenweh“, sagt sie.

Im Bad verwehrt eine Armada von Tuben und Döschen, Flaschen und Tiegeln ihrem Putzleder den Zugang zum Spiegel. „Dafür hätte ich morgens nie Zeit“, murmelt sie und prägt sich ein, nach welcher Chaostheorie die Schminksachen um das Waschbecken verteilt wurden.

„Im Haus ist eine Juristentagung“, sagt Galina, „da wäre ich jetzt gern dabei.“ Das Auftreten hat sie. Manchmal nimmt sie sogar Herrn M. ins Kreuzverhör und geniert sich dann ein bisschen. Die ersten zwölf Zimmer sind abgehakt. Wenn ein Gast nicht duscht, freue ich mich. Keine Kalkflecken. Gut für mich. Ich wundere mich nicht mehr darüber, dass Frauen, die mit sechs Paar identisch aussehenden Stiefeln verreisen, sich nicht schämen wegen aufgeweichter Kosmetiktücher oder Haarbürsten mit einem fahlen Filz von Strähnen darin.

„Das ist widerlich, oder?“ Galina hält mir die Bürste hin. Ich kenne meinen Feind. Es ist das Haar. Meist versteckt es sich bis zuletzt, um dann kringelig oder kraus auf einer weißen Fliese zu kleben. Packe ich es mit einem Stück Klopapier und spüle es hinunter, muss ich danach das Ende der Papierrolle neu falten. Wenn ich Pech habe, ist mir das Haar entwischt. Baumelt dann vom Handspiegel, als ob es mich auslacht.

Es ist zwölf Uhr, meine Oberarme schmerzen vom Bettenschütteln. Wir haben Anspruch auf eine Stunde Pause, aber niemand nimmt sie. Außer Maya. Die anderen Frauen schütteln den Kopf. Galina schleift den grauen Wäschesack wie eine erlegte Robbe hinter sich die Treppe hinunter. Bopbopbop. Die Kloschüssel blinkt und funkelt, ein Prachtexemplar. Es wäre leicht, jetzt schnell die Türe zu schließen. Aber es verstieße gegen die Regeln, also haste ich ins Nebengebäude. Hier ist die Toilette für die Zimmermädchen. Sie ist schmutzig wie ein Bahnhofsklo. Galina läuft mir entgegen: „Husch, husch, alle in Zimmer 307, der Gast will rein!“ Wir putzen zu dritt, Hüfte an Hüfte. Stoßen mit den Hinterteilen aneinander.

Galina steht in der Glasbox der Dusche und lässt konzentriert den Lappen kreisen. Nadije, die Albanerin, poliert die Armaturen im Waschbecken, ich sortiere die Pröbchen im Bastkorb. Es fehlen Shampoo und das Päckchen mit Bausch und Wattestäbchen. Nadije ruft: „Handtuch klein.“ Galina ruft: „Fußmatte.“ Ich renne hinaus, wiederhole wie ein Mantra: „Shampoo, Watte, Handtuch klein, Fußmatte.“ Mit dem Aufzug holen wir Handtücher. Galina erzählt, dass unsere Firma auch andere Häuser putzt, die klingende Namen haben. Galina seufzt. „Eine muss ins Grüne!“ Die grünen Zimmer sind verhasst. Weitläufig, sperrige Vorhänge und Doppelbetten. Mit zitternden Fingern falte ich die Nase in das Ende des Toilettenpapiers, sie löst sich wieder. Ich hocke verzweifelt vor der Kloschüssel, die Knie beben, ich bin in einem Origami-Albtraum und verfalle in Selbstmitleid. Fast hätte ich vergessen, dass heute mein erster und letzter Tag als Zimmermädchen im Hotel ist.

Bilanz. Seit sieben Stunden bin ich hier, habe keine Pause gemacht, nichts gegessen, drei Schlucke Wasser getrunken, aus dem Gästehahn, heimlich. Meine Hände sind Bimsstein. Ich weiß nicht, wie viele Zimmer ich habe, wie viele die anderen. Galina stöhnt: „Ich kann nicht mehr, muss weg, hab eh schon Stress mit der Kita.“

Während die anderen Frauen in den zweiten Stock eilen, soll ich mit Hausdame Edith zur Nachkontrolle. „Nimm Putzmittel mit!“, ruft Galina noch im Treppenhaus. Edith, Kapo mit Mandelaugen und tiefschwarzem Pferdeschwanz, ist zu streng, um hübsch zu sein. Zu hart, um einzunehmen. Kein Lächeln darf die perfekte Linie ihrer Lippen verzerren, keine tollpatschige Bewegung diese Effizienz entweihen. Edith ist blitzend sauber und stärkesteif wie die Zimmer, die sie mit einem verschluckten „Gut“ wieder verlässt. Doch zuvor poliere ich jeden Spiegel noch einmal, auf den sie mit ihrem spitzen Finger zeigt. Entferne dutzendfach Kalkränder, enthaare das Schmutzsieb der Dusche im Waschbecken, wofür mich Edith mit einem entsetzten Blick bestraft und sauge schließlich die Raumecken über meinem Kopf. „Überall Spinnen!“ Edith ist mir unheimlich. Sie hat Röntgenaugen, kein Makel, kein Haar entgeht ihnen. Während ich ein Kissen erneut drapiere, spricht Edith mich plötzlich an, ohne dabei aufzusehen. „Schatzelein, hast du denn keine Ausbildung?“

(erschienen in Stuttgarter Zeitung)