Wind plus Sonne, das ergibt multipliziert mit etwas Technik Energie und mehr Lebensqualität. Eine einfache Gleichung? Nicht, wenn der längst andauernde Konflikt der Welt dazu kommt. Ausgerechnet im von Israel besetzten Westjordanland versuchen zwei israelische Physiker palästinensischen Hirten das Leben zu erleichtern. Und stoßen dabei auf erbitterten Widerstand.

Windmuhlen Terramater Fazekas

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Ein sanftes Flappflappflapp liegt in der Luft. Es stammt von einer Windturbine – drei spitz zulaufende Rotorblätter aus Holz auf einer hoch aufragenden Metallstange. Auf das Heckruder sind blaue Buchstaben gepinselt: Comet-ME. Die Abkürzung steht für: Community, Energy and Technology in the Middle East.

Das Land auf dem sie steht, nennen die Palästinenser Massafer Yatta. „Yatta" nach der nächsten größeren Siedlung, „Massafer" steht im Arabischen für Reisen oder für das Nichts. Das beschreibt die Gegend ziemlich treffend: Die Halbwüste im südlichsten Zipfel des Westjordanlandes ist eine staubige Einöde, in der es schwer fällt zu glauben, dass hier jemand leben kann. Trotzdem ist Massafer Yatta Heimat von rund 8.000 Menschen – hauptsächlich Schaf- und Ziegenhirten, die gelernt haben, mit den harschen Bedingungen umzugehen.

Sie sammeln das Regenwasser des Winters für sich und ihre Tiere in Zisternen, ernähren sich vom Verkauf von Butter, Käse und Feldfrüchten. Und sie wohnen in Zelten und Höhlen im felsigen Untergrund. Einerseits, weil sie das immer schon so gemacht haben. Andererseits, weil es nicht anders möglich ist: Seit dem Friedensvertrag von Oslo Mitte der Neunziger Jahre haben die Hirten nicht nur mit den Härten der Natur zu kämpfen. Sondern auch mit den Schikanen der israelischen Behörden.

Ihr Weideland wurde damals nämlich zur „Area C" erklärt – es gehört damit zu den 62 Prozent des Westjordanlandes, die unter israelischer Militär- und Zivilverwaltung stehen. Wer hier bauen will, braucht eine Genehmigung aus Israel – für Palästinenser aussichtslos. Versucht es jemand trotzdem, bekommt er umgehend eine Demolition order zugestellt – einen Abrissbefehl.

Die politische Absicht dahinter ist klar: Das Leben soll den Menschen möglichst schwer gemacht werden, um sie früher oder später in die palästinensisch verwalteten Städte der „Area A" zu zwingen. Sollte der Plan aufgehen, wird es wohl nie was werden mit einem eigenständigen palästi-nensischen Staat.

Insgesamt also eine hoffnungslose Lage – wäre da nicht das Flappflappflapp der Windturbine, das wie ein geflüstertes Versprechen klingt, dass doch noch alles gut werden kann. Sie sorgt seit einiger Zeit für Strom und dafür, dass der Tag der Hirten nicht mit Einbruch der Dunkelheit endet, für ein wenig Bequemlichkeit und Menschen- würde im Nichts. Sie liefert die Energie für Kühlschränke, Fernseher oder Butterschleudern. Und die Hirten müssen jetzt nicht mehr nach Yatta fahren, wenn sie ihre Handys aufladen wollen.

Der ganze Segen hat mit einem Häuschen bei Susyia mitten in Massafer Yatta zu tun. Es ist eine alte Hirtenscheune, die bereits in den Siebziger Jahren errichtet wurde – vor den Friedensverhandlungen von Oslo – und damit vor den Bulldozern des Militärs geschützt ist. Der einzige Bau weit und breit ohne Abrissbefehl ist das Hauptquartier von Comet-ME im Westjordanland – Versammlungsraum, Werkstatt, Küche und Materiallager in einem.

Hinter der 2009 gegründeten NGO stecken zwei israelische Physiker und eine Idee: Noam Dotam, 62, und Elad Orian, 42, wollen den palästinensischen Hirten die Technik in die Hand geben, die es ihnen erlaubt, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Windturbinen und Solarzellen sollen ihnen die Energie verleihen, in „Area C" trotz aller Widrigkeiten Wurzeln zu schlagen.

Es ist ein Vertrauensbeweis, dass die Hirten den Jungs ihre Scheune vermietet haben", meint Ezra Nawi. Der 63-Jährige steht, eine selbstgedrehte Zigarette in der einen, einen Kochlöffel in der anderen Hand, in der Küche des Häuschens. Mit seinem weißen Bart, dem Leinenhemd und dem Panamahut sieht er aus wie Hemingway auf Safari. „Fremde gelten in dieser Gegend grundsätzlich als Bedrohung".

Ezra Nawi ist so etwas wie das Faktotum von Comet-ME. Er kennt die Einheimischen seit Jahrzehnten und ist ein Eisbrecher. Nicht zuletzt wegen seiner eigenen Geschichte: Als Mizrachi, Jude orientalischer Abstammung, spricht er fließend Arabisch, seine Familie kommt aus Kurdistan. In der israelischen Gesellschaft hat er sich selbst oft ausgestoßen gefühlt. Auch, weil er nie ein Hehl daraus machte, dass er schwul ist. Er war einmal mit einem Palästinenser aus dem Westjordanland zusammen, der illegal bei ihm in Israel lebte. Da hat er begonnen, sich für die Situation der Palästinenser zu interessieren. Seit den Achtziger Jahren ist er Aktivist, er schloss sich der Menschenrechtsorganisation Ta'ayush an (das ist arabisch und heißt so viel wie friedliches Zusammenleben), wo er auch die Physiker Dotam und Orian kennenlernte.

Seit Jahrzehnten ist Ezra Nawi eine Institution in den Hügeln von Hebron. Wenn er mit seinem zerbeulten Jeep durch die Dörfer fährt, laufen ihm winkende Kinder hinterher. Vielen seiner Landsleute dagegen gilt er als linksextremer Unruhestifter. Er wurde schon ein paar Mal verhaftet, aber Gegenwind scheint einen wie ihn eher zu erfrischen. „Ich habe keine Lösung für diesen Konflikt", sagt er. „Ich weiß nur, dass es falsch ist, was hier passiert. Mir geht es nicht um Ideologie, mir geht's um Anstand."

Tatsächlich schaut es nicht besonders anständig aus, was hier in „Area C" läuft. Beim Blick in die kamelfarbene Landschaft glaubt man zunächst nicht, dass Strom Mangelware ist. Eine Polonaise von Strommasten zieht sich durch die Wüste. Sie führt zu Hügelkuppen, die bequem auf asphaltierten Straßen zu erreichen sind. Darauf sind adrette weiße Häuser zu sehen, gepflegte Vorgärten, Zierbäume in vollem Saft. Seit den Achtziger Jahren umzingeln israelische Siedlungen Massafer Yatta.

Viele von ihnen wurden ohne Baugenehmigung errichtet, doch in diesem Fall gibt es keine Abrissbefehle. Sie sind sogar an das israelische Busnetz angeknüpft. Dass sich die Siedlungen auf heiß umkämpftem Land befinden, verraten nur der Stacheldrahtzaun rundherum und die Wachsoldaten davor.

„Es ist lächerlich", sagt Elad Orian. Wenn er wütend ist, klingt es, als ob er die Worte ausspucke. Und die Situation macht ihn wütend, weil sie so himmelschreiend ungerecht ist: „Da hängen Stromleitungen direkt über den Köpfen der Hirten. Aber davon bekommen sie nicht ein Elektron. Wasserrohre laufen zwischen ihren Olivenbäumen hindurch, aber sie müssen Regen trinken."

Noam Dotan und Elad Orian kämpfen zwar mit zierlichen Turbinen gegen die Windmühlen der Politik, wirken aber weder wie verträumte Don Quijotes noch wie heißblütige Revoluzzer. Noam trägt Nickelbrille, grauen Bart und Beatles- T-Shirt. Elad ist seine 20 Jahre jüngere Version, die Outdoorhose einen Tick cooler, die Brille auch. Sie müssen gute Freunde sein. Wenn einer was sagt, braucht der andere nicht einmal mehr zu nicken. Doch sie sagen selten was. Beide sind sie aufgewachsen in einem Land, in dem auf große Worte meist große Enttäuschungen folgten. Vielleicht gehen sie deshalb mit den eigenen so effizient um wie sie den Bau von Stromsystemen planen.

Die Rotorblätter der Windturbinen sind handgeschnitzt. Kiefernholz, beste Qualität ohne Astlöcher, importiert aus den USA. Das Holz ist, wie die Solarzellen, eine Ausnahme. Für alles andere verwenden sie Material, das günstig vor Ort erhältlich ist. Für das man keinen Akademiker braucht und keine Präzisionswerkzeuge, nur geschickte Hände. „Das ist unsere Stärke", sagt Elad. „Alles ist sehr greifbar. Wenn wir fertig sind, legt man einen Schalter um – und das Licht geht an."

Schön, aber mit viel Applaus in Israel darf man für so was nicht rechnen. Spätestens seit den Selbstmordanschlägen der Zweiten Intifada glaubt man in der israelischen Öffentlichkeit nicht mehr daran, dass man mit Palästinensern reden, geschweige denn zusammenleben könne; dass es die Sicherheit erfordere, das Land gegen die pa- lästinensische Bedrohung zu verteidigen. Und in konservativen Kreisen ist die Ansicht verbreitet, das seit dem Sechstagekrieg 1967 besetzte Westjordanland gehöre ohnehin zu Israel, das stünde ja schon in der Bibel.

Wieso sich Noam und Elad trotz allem für Palästinenser einsetzen? Weil sie nicht mehr mit dem Gefühl aufwachen wollten, Teil des Konflikts zu sein. „Wir wollen Teil der Lösung sein", sagt Noam. „Und wenn es bedeutet, den Ozean mit einem Löffel trocken zu legen."

Dafür hat Noam Dotam vor zehn Jahren seinen gut bezahlten Job in der High-Tech-Industrie gekündigt. Statt an Halbleitern zu tüfteln, berechnet er nun den Energiebedarf von Butterschleudern. Statt ein stattliches Gehalt einzusacken, zahlt er sich bloß ein symbolisches Honorar aus – und fährt jeden Tag in eine Welt, vor der die meisten Israelis Angst haben. Ezra ruft die Hirtenjungs von nebenan zum Essen an den Tisch. „So sollte es sein zwischen Nachbarn", sagt Ezra. „So war es früher einmal."

Früher: irgendwann in den Achtzigern, als es noch keine Checkpoints gab, als die politische Situation noch nicht ganz so verfahren war. Daran erinnert sich der 28-jährige Ahmad Sayareh aus Hebron nicht. Er ist einer von fünf palästinen- sischen Technikern und Ingenieuren bei Comet- ME. Vermutlich gibt es nirgends auf der Welt so viele Hilfsorganisationen pro Kopf wie in Palästina. Aber es gibt wenige, in denen Israelis und Palästinenser auf Augenhöhe arbeiten.

Ahmad fotografiert viel mit dem Handy. Er will seinen Kindern einmal zeigen, dass er mit Israelis an einer guten Sache arbeitet. Dass das möglich ist. „Wir Palästinenser leben in unserer Blase aus Angst – und die Israelis in ihrer. Bei Comet treffen sich Leute, die sich trauen, ihre Blase zu verlassen."

Wann die Physiker diese Blase verlassen haben? Wenn man Noam Dotam zuhört, klingt es, als wären sie nie drin gewesen: „Wir sind nicht mainstream, auch unsere Freunde nicht." Lakonisch schiebt er nach: „Vielleicht liegt's an der Erziehung." Und Elad Orian ergänzt: „Ich will nicht an einem Ort leben, wo Rassismus institutionalisiert ist. Ich will eine andere Wirklichkeit schaffen." Die Familien halten sie aus der Sache raus. Ihre Frauen, klar, die stehen hinter dem Projekt, aber um Gottes willen, nein, es reicht, wenn einer aus der Familie so verrückt ist. Noam ist Großvater, Elad hat einen kleinen Sohn. „Ich erzähle nicht jedem, was ich mache", sagt Noam. „Wir haben eine relativ konservative Nachbarschaft. Und unser Projekt entspricht nicht gerade dem Konsens in der Gesellschaft."

Noams Haus steht in bei Beit Shemesh, etwa 30 Kilometer westlich von Jerusalem. Das ist zwar nur 40 Kilometer Luftlinie vom Comet-Feldbüro bei Susyia entfernt, aber schon tief in Israel. In seinem Garten bläst der Wind zum Vergnügen, bringt Skulpturen aus Schmiedeeisen zum Tanzen. Der Blick von der Terrasse ins Tal ist weit und grün. Hier trifft er sich mit Elad, um zu experimentieren.

Gerade testen sie eine neue Pumpe. Seit vergangenem Jahr rüsten sie die Zisternen der Familien auf. Mit dem Überschuss aus dem Stromsystem wird das Regenwasser automatisch in einen höher liegenden Tank gepumpt, um dann durch ein zweistufiges Filtersystem zu laufen – und schließlich aus dem Hahn. Wenn den beiden zu heiß wird, setzen sie sich ins Wohnzimmer zur Klimaanlage. Noam macht Hummus und sie unterhalten sich über gutes Olivenöl und das Bienensterben. Das ist die Welt, in der sie daheim sind.

Es war keine Erleuchtung, die Noam die Mission starten ließ, mehr ein langsames Drehen am Dimmschalter. Kurz nach dem Sechstagekrieg 1967 nahmen ihn seine Eltern mit auf einen Besuch in den gerade besetzten Gazastreifen. Später war er, wie die meisten Israelis, als Soldat im Westjordanland. Aber einen wirklichen Einblick in den Alltag der Palästinenser bekam er erst, als er mit Friedensaktivisten Hebron besuchte, die geteilte Stadt, Konflikt im Konzentrat.

Das muss vor 15 Jahren gewesen sein, zu Beginn der Zweiten Intifada – als sich in Tel Aviv und Jerusalem Palästinenser in die Luft sprengten; nachdem der Oslo-Prozess, der den Palästinensern einen eigenen Staat bringen sollte, offiziell als gescheitert galt. Dabei lernte er Elad kennen, freundete sich auf Anhieb mit dem Studenten an. Sie sahen, wie die Menschen unter Siedlern und Soldaten litten, stellten ein Projekt für Kinder auf die Beine. Es lief nicht so gut, im zweigeteilten Hebron sind Aktivisten auf eine Beobachterrolle beschränkt.

Also zogen sie mit anderen Aktivisten in die Hügel im Süden: Auch hier ging es vor allem um den Schutz vor radikalen Siedlern, beim Wasserholen, beim Schafehüten, bei der Olivenernte. Sie freundeten sich mit Hirten und Bauern an und sahen, woran es im Alltag am dringlichsten fehlte: an Strom und Wasser. Und was es im Überfluss gab: Sonne und Wind. Endlich ein konkreter Ansatz für ein Projekt! Oder wie Noam es ausdrückt: „Ich war es einfach müde, mich nur zu beschweren."

Es war eine einfache Gleichung: Die Hirten sollten die Kräfte der Natur nutzen, die ihnen bisher feindselig begegnete. Und die, ganz wichtig, Israel nicht kontrollieren kann. Über einen Freund in der deutschen Botschaft von Ramallah kamen sie an das Geld für die erste Turbine und ein paar Solarzellen, 20.000 Dollar. Ein paar Jahre tüftelten sie bei Noam im Garten, lebten von Ersparnissen. Zogen die Turbinen in Nacht und Nebel-Aktionen hoch. Der Freund aus der Botschaft riet, eine NGO zu gründen, es offiziell zu machen, denn jetzt sei mehr Geld aus Deutschland da – eine halbe Million Euro. Das war die Geburtsstunde von Comet-ME.

Es war keine Überraschung, als vor drei Jahren plötzlich auch die Turbinen als Störfaktor auf dem Radar der Regierung blinkten. „Wir waren überrascht, dass es so lange gedauert hat", sagt Noam. Über 16 der 20 bis heute aufgestellten Anlagen wurden seither Abrissbefehle verhängt. Beim Versuch Genehmigungen zu bekommen, scheiterten die Physiker an fadenscheinigen Ausreden. So sollten sie die Windturbinen vom Ministerium für Luftfahrt prüfen lassen. „Dabei interessiert die kein Bau unter sechzig Metern Höhe."

Jetzt wollen Noam Dotam und Elad Orian den Streit vor den Obersten Gerichtshof bringen. Die Geldgeber aus der EU, vor allem die deutsche Regierung, wirken dabei als eine Art Schutzschild. Noch wurde kein System niedergerissen. Die Siedler scheren sich hingegen weniger um Diplomatie: kürzlich warfen sie eine der Solaranlagen mit Steinen ein. Anzeige bei der Polizei wegen Sachbeschädigung? Lächerlich, genauso gut könnte man eine Eingabe beim Salzamt machen.

Nein, sagt Waseem Jabari, er habe nicht gewusst, wie die Hirten hier lebten, bevor Comet-ME ihn einstellte. „Das ist keine Gegend, in die wir Palästinenser freiwillig kommen. Wir fühlen uns hier nicht sicher." Noam hat den Elektriker mit seinem Kollegen Abd Qabajah auf eine „Zeitreise in die Vergangenheit" geschickt. So nennt er die Buckelpistenfahrt in die Firing Zone nach al-Fakheit. Eine Speicherbatterie ist in Schieflage geraten.

Die Firing Zone 918 beginnt ungefähr auf der zweiten Hügelkette, die man beim Blick von der Veranda des Feldbüros sieht: Bis in die Neunziger Jahre nutzte Israel das Gebiet für Armeeübungen. Mit dem Oslo-Abkommen zog sich das Militär zwar größtenteils in den Süden Israels zurück. Die Firing Zone aber behielt ihren Status. Hier darf offiziell niemand mehr leben. Acht Clans sind in ständiger Gefahr, vertrieben zu werden. Fünf davon versorgt Comet-ME mit Strom. Auf halber Strecke nach al-Fakheit zeigt Abd in eine Senke: Das Auge hält sich an einem fingernagelgroßen roten Auto fest, dann erst erkennt es die dunklen Eingänge zu den Höhlen. Maghayir al Abeed, Sklavenhöhlen, heißt der Ort, die Osmanen haben einst hier Gefangene gehalten.

Es riecht nach Vogelmist in der engen Höhle, in der sich die Technik befindet, die Batterien, der Stromwandler – und der Verbrauchsmesser: Der Service von Comet-ME ist nämlich keineswegs gratis. Der Strom kostet die Hirten genau so viel, wie die Techniker zu Hause in Hebron an den palästinensischen Versorger zahlen. Das Geld fließt auf ein Konto unter dem Namen der Hirten. Es garantiert die Wartungsarbeiten. Als während des letzten Wintersturms in halb Israel der Strom ausfiel, surrten die Windräder der Hirten wie Libellen.

Die Arbeit ist schnell getan, die Söhne der Familie reichen, aufgestellt wie die Orgelpfeifen, Werkzeug durch. Der Älteste ist zehn und geht nicht mehr zur Schule, weil er daheim helfen muss. Die Frauen lassen sich nicht blicken, wenn Männer zu Besuch sind, der Vater ist noch bei den Schafen. Als er dazukommt, beginnt der zweite Teil des Diensts im Feld: die Annahme der palästinensischen Gastfreundschaft. Die Techniker werden in ein frisch gemauertes Häuschen gebeten. Ist Bauen hier nicht streng verboten? Doch, sagt Abd. Aber manchmal dauere es zwei Jahre, bis der Bulldozer kommt.

Auf dem Betonboden liegen Matten, die Steckdosen an der kahlen Wand wirken wie eine Kunstinstallation. Abd und Waseem werden empfangen wie gute Freunde, man hat viel erlebt zusammen. Vor drei Jahren, als das System installiert wurde, rasten vier israelische Jeeps den Hügel hinauf. Sie nahmen Waseem mit. Behielten ihn einen Tag im Arrest, den VW von Comet-ME beschlagnahmten sie länger.

Abd geht nochmals zum Wagen, holt eine Säge – wenn sie schon mal da sind mit dem Werkzeugkasten und dem Holz. Die unsichtbaren Frauen haben um ein Salatschneidetischchen gebeten. Waseem zimmert das Brett zurecht.

Dann das Essen, ein Festmahl – drei große Platten mit kurkumagelbem Reis, Hammelkeulen in Ziegenmilchsoße. Noch einmal Tee, noch einmal Mokka. Eine Zigarette. Die Gastfreundschaft der Hirten ist die einzige Konstante in der Gleichung der Physiker. Sie schmiert das Vertrauen, doch sie schluckt auch Kapazitäten. Aber nicht nur deshalb haben die Chefs die Wartung an die einheimischen Techniker abgegeben. „Wir sind hier nur Gäste", sagt Noam. Comet-ME soll einmal von Palästinensern geführt werden.

Der Checkpoint bei Beit Yatir ist die Grenze für Abd, Waseen und die beiden Ahmads aus dem Team. Dahinter beginnt die sogenannte Saumzone. Theoretisch Niemandsland, praktisch Israel. Als vor zehn Jahren die Sperran- lage hochgezogen wurde, haben sie ein Dorf einfach aus der Landkarte geschnitten. Denn vom Checkpoint bis zur Grünen Linie, der offiziellen Grenze vom Westjordanland zu Israel seit 1949, sind es noch ein paar Kilometer. Das Dorf heißt al-Asaifer und hier wohnen die A'buqbeitas. Sie sollen heute eine Wasserpumpe bekommen.

In der Saumzone dürfen sich nur Palästinenser aufhalten, die Landbesitz nachweisen können, was nicht heißt, dass sie auf diesem Grund auch bauen dürfen. „Eine völlig absurde Situation", wie Noam meint, als er im Comet-Feldbüro zu Elad ins Auto steigt. Um die palästinensischen Techniker zu ersetzen, haben sie freiwillige Helfer aus Tel Aviv an Bord. Ezra nimmt den zweiten Wagen.

„Ezra?"„Alle aussteigen!" Den Soldaten am Checkpoint genügt ein Blick auf ihren Landsmann. „Ich werde immer rausgezogen", sagt Ezra schmallippig. Jetzt liegen unsere Ausweise auf dem Tisch neben unseren Smartphones. Der Einzige, dem es die Stimmung nicht verhagelt, ist Lus, der Welpe mit den gekappten Ohren. Ezra hat ihn von Hirten adoptiert und nimmt ihn überall hin mit.

Das Erste, was man vom Heim der A'buqbeitas sieht, ist die Windturbine dahinter. Sie stammt nicht aus der Werkstatt von Comet, ist fünfmal so groß, der Propeller steht still. Sie gehört zur Siedlung Beit Yatir nebenan. Dort ist man nicht angewiesen auf grüne Energie, der Strom kommt direkt aus Israel.

Die Behausung von Mahmoud duckt sich unter eine Baumkrone auf einer Anhöhe, Planen und Netze tarnen die Betonbaracke. Noam steht bereits vor drei aufgeklappten Werkzeugkästen, er wirkt nervös. Viele Besuche sind vorausgegangen, allerhand Gespräche, die Physiker wollen die Familien auf keinen Fall bevormunden. Vor der Installation der Pumpe steht etwa die Frage: Wird sie auch angenommen? Es wäre einfacher, eine neue zentrale Zisterne anzulegen, die den ganzen Clan versorgt. Aber Wasser wird traditionell in der Kleinfamilie verwaltet. Und wie erklärt man den Männern, den allmächtigen Entscheidern, dass Kinder und eingeheiratete Frauen so oft krank sind, weil sie an das Brackwasser nicht gewöhnt sind?

Heute scheint die einzige kulturelle Bruchstelle Welpe Lus zu sein. Er jagt die Katzen von Mahmouds Kindern. Hunde, das kann man an Mahmouds Gesicht ablesen, gehören an die Kette.

Kurze Lagebesprechung. Ezra und Mahmoud sollen zum neuen weißen Wassertank unter dem Mandelbaum hinaufklettern und die Schläuche befestigen, die freiwilligen Helfer runter in den Garten und den Filter an der Mauer neben der Zisterne befestigen. „Nicht zu viel Aufsehen erregen!", warnt Elad. Gleich hinter dem Grundstück verläuft die Straße zwischen Siedlung und dem Checkpoint. Wer weiß.

Zwei Stunden später tuckert die Pumpe brav – Mahmouds Söhne bringen Platten mit Essen aus der Küche in den Planenpavillon im Garten. Mahmoud selbst lässt sich lange bitten, bis er sich dazusetzt. Nach dem Essen fläzt sich Ezra wie der Gastgeber aufs Sofa und raucht. Dann bläst er Mahmouds Jüngstem einen Luftballon auf.

Beim Zusammenpacken, ein Mädchengesicht hinter einem der Fenster, eine Hand, sie winkt. Wir winken zurück. Das Gesicht taucht ab. Elad sieht es und zuckt mit den Schultern. „Wir haben anfangs versucht, die Frauen einzubinden – aber das müssen die Familien selbst entscheiden."

Er sieht sich als Dienstleister, nicht als Entwicklungshelfer. Es gibt jetzt fließendes Wasser bei den A'buqbeitas. Wenigstens fürs Erste.

(erschienen in Terra Mater)