Immer mehr junge Iranerinnen teilen eine Leidenschaft: Es zieht sie zum Klettern in die Berge. Dorthin, wo keiner ihnen sagt, was sie können, müssen und dürfen.

Ihre Welt sind die Bergezum pdf der Story in Die Zeit

Vor uns ragt ein vertikaler Spielplatz in die Wolken: eine Felswand, mit Schuppen und Löchlein übersät, die gerade genug Halt für Zehenspitzen und Fingerkuppen bieten. Alle paar Meter blinkt ein Haken aus dem rötlichen Kalkstein. Ich lege den Kopf in den Nacken, will die Kletterroute inspizieren. Doch anders als sonst zuckt meine Hand dabei nicht nervös an die Hüfte, um den Achterknoten an meinem Gurt zu überprüfen, sondern an den Scheitel: Der Kontrollgriff zum Kopftuch ist bereits Routine.

»Keine Angst, hier oben gibt es keine Sittenwächter«, sagt Mahdis, meine 27-jährige Seilpartnerin. Sie hat ihren Paschmina längst gegen ein Sonnenschild getauscht, am Hinterkopf hüpft ein Pferdeschwanz. Lasziv finde ich das insgeheim, nach gerade mal 24 Stunden im Iran. Als ich mein Tuch nun ebenfalls abnehme, fühlt es sich an, wie das erste Mal am Baggersee den Winterkörper zu präsentieren. Sehr frei, aber auch verletzlich. Zumal wir nicht allein sind: Am Fuße der Wand stehen neben Mahdis und ihren Freundinnen auch ein Dutzend Männer – ihre Kumpels, Cousins und Ehemänner. Zusammen werden wir bald im Gestein herumturnen, Tipps zu dem Hintern hochbrüllen, der jeweils über uns hängt. Und das in einer Gesellschaft, in der Frauen nicht mal in der Öffentlichkeit Fahrrad fahren dürfen.

Die Berge aber scheinen schariafreie Zone zu sein. Weswegen Mahdis und die anderen erst mal die Geselligkeit zelebrieren: Nach Inspektion der Routen breiten sie Decken aus, holen Salate, Knusperfladen im DIN-A3-Format und panierte Hähnchenstücke aus den Rucksäcken. So entspannt hatte ich mir das nicht vorgestellt.

Geklettert bin ich schon in einigen Regionen der Welt. Ob im Frankenjura, in Italien oder Thailand – das Tolle am Klettern ist: Man findet schnell Freunde. Immerhin hält der Mensch am anderen Seilende dein Leben in der Hand. Und in der Natur entsteht dabei ein Freiheitsgefühl, das den Sport zur Flucht aus dem Alltag macht. Egal, ob das Gefängnis nur der Bürojob ist – oder ein Regime.

Vor ein paar Monaten tippte ich aus Neugier »Climbing«, »Women« und »Iran« in die Suchmaske von Google. Und landete sofort einen Treffer: Farnas Esmaeilsadeh. Obwohl Facebook im Iran geblockt ist, hat die Profi-Kletterin ein Profil. Sie ist 27 Jahre alt, Mitglied der Nationalmannschaft, auf die Nischendisziplin Speed-Climbing spezialisiert – und eine der Frauen, die eine weibliche Kletterrevolution im Iran lostraten: In Farnas' Heimatstadt Sandschan, wo seit Jahren die männliche Wettkampfelite trainiert, ist Klettern inzwischen auch für Frauen gesellschaftsfähig geworden.

Farnas hat auch Mahdis vor drei Jahren zum Freeclimbing gebracht – und sie mir als Kletterpartnerin vermittelt, als ich sie anschrieb. Ich wollte herausfinden, wie weit Iranerinnen aus ihrer patriarchalischen Gesellschaft herausklettern können und ob die Scharia dabei am Boden bleibt. Und natürlich wollte ich mir von den Frauen auch ihre Heimat zeigen lassen: Sandschan, eine bergige Region, in die es Touristen eher selten verschlägt.

Während es in Teheran sommerlich zuging, ist die Landschaft hier, 340 Kilometer nordwestlich, noch kaum grüner als der Lehm, mit dem die Häuschen der Berg- dörfer verputzt sind. Eine Welt in Sepia. Selbst die Wolle der Schafe ist braun. Die hageren Birken, die Blütenbäusche der Sauerkirschen im Tal und die Schneebärte an den Ausläufern des Zagros- und des Elburs-Gebirges leuchten wie Deckweißtupfen in einem Schlammwasser-Aquarell.

»Happy?«, fragt Mahdis und streicht mir über den Arm. Die Geste fühlt sich vertraut an, obwohl ich Mahdis bis vor Kurzem nur virtuell kannte: Über WhatsApp hatte sie mir geschrieben, dass sie Pasta mag und einen Doktorvater für Biochemie sucht. Instagram hatte mir verraten, dass sie einen Kleopatra-Lidstrich um ihre grünen Katzen- augen zieht. Und dass sie nicht nur ihr Kletteridol Farnas verehrt, sondern auch die amerikanische Sängerin Taylor Swift.

»Weil beide starke Frauen sind, die machen, was sie wollen!«, erklärt sie mir jetzt, während sie für ein Selfie auf einem Felsblock sitzt und den Kopf in einen Sonnenstrahl rückt. Die Zinnen auf der anderen Seite des Tals bieten eine malerische Kulisse, um sich auf Fotos zu inszenieren. Instagram, das verstehe ich bald, ist für die Iraner vieles: Bühne zur Selbstdarstellung, Kaffeekränzchen – und Guckloch in den Rest der Welt, weil die meisten anderen Internetseiten zensiert werden.

Die Instagram-Manie hier erklärt auch, wieso die Frauen selbst am Fels Lippenstift tragen und ihre Brauen schablonenhaft übermalen, sodass sie wie Aufkleber wirken.

Mahdis' Kumpel, der hier ein paar Touren erschlossen hat, verpasste einer der Routen nicht umsonst den Namen »Make-up«.

Als wir nach dem Picknick zum Fels ziehen und dabei die Hälfte des Trupps ver- lieren, witzelt einer der Männer: »Wölfe!« So unwahrscheinlich finde ich es nicht, dass im Sepiaschleier ringsum ein Raubtier lauert. Doch auf meine Nachfrage lächelt der Mann schief: »Unser einziges Raubtier heißt Ahmadinedschad.«

Es soll nicht die einzige politische Spitze bleiben. Während sich die zarte Farsaneh in der Tour »Two Sisters« eine beinahe trittlose Platte emporschiebt, ahme ich die Anfeuerungsrufe der anderen nach: »Maschallah!« Da tippt Mahdis mich am Arm an: »Ganz korrekt sagt man auf Persisch übrigens ›afarin‹ für ›Bravo‹.« Auch wenn arabische Lehnworte wie maschallah im Alltag oft benutzt werden, bleibt es für viele Perser die Sprache der ungebildeten Unterdrücker. »Vor dem Islam glaubten wir an den Propheten Zarathustra«, erklärt Mahdis, als ob die arabischen Heere erst kürzlich unter der Mondsichel durchs Land gezogen seien.

»Ladies first«, sagt Mahdis Bruder Farbode schließlich mit einem Diener, als wir mit aufgepumpten Unterarmen und Kreidepulver im Gesicht zum Auto stolpern. »Ladies always first«, sagt Mahdis und boxt ihn in die Seite. Im Auto zieht sie einen blauen Kaftan über die Jeans: Auf dem Heimweg will sie mir noch Soltanijeh zeigen. Der kleine Ort wurde 2005 zum Weltkulturerbe ernannt, wegen des fünfzig Meter hohen Backsteindoms, der manchen als Vorläufermodell des Tadsch Mahal gilt. Die swimmingpoolfarbene Kuppel wirkt umso monströser, als im Gras davor eine Kolonie Igluzelte kauert. Solche Zelte sind mir zuvor schon auf den Seitenstreifen der Straßen und in Teherans Parks aufgefallen: Privatsphäre zum Mitnehmen.

Innen ist der Dom opulent mit Kacheln, Intarsien und Stuck ausgekleidet, aber nach dem Aufstieg erwartet uns ein nüchterner Ausblick: Soltanijeh ist ein Häuflein grauer Flachbauten. Doch um 1300, sagt Mahdis, sei der Ort Hauptstadt des Irans gewesen. Damals waren die Mongolen an der Macht. Als Fürst Öldscheitü sich den Dom als Mausoleum bauen ließ, hatte er eine wilde Reise durch die Weltreligionen hinter sich: Von seinem Vater zu Ehren des Papstes auf den Namen Nicholas getauft, konvertierte er in seiner Jugend zum Buddhismus und später zum sunnitischen Islam. Er war der erste Herrscher, der die Glaubensrichtung als Staatsreligion für den Iran ausrief. Und dabei blieb es.

Beim Abendessen in einem Restaurant in Soltanijeh spülen wir Kababs, Joghurt und eine Art Pesto aus Oliven, Granatäpfeln und Walnüssen mit 0,0-prozentigem Radler hinunter. »Wir haben hier keine Bars, wir feiern daheim«, kommentiert Mahdis' Cousin. Als wir nach kurzer Weiterfahrt Sandschan erreichen, zeigt er auf ein Motorrad ohne Nummernschild, das am Straßenrand parkt: »Der Alkohol-Dealer.« In einem Auto, das daneben parkt, wird gerade Selbstgebrannter für eine Hausparty erstanden.

Dass es auch hinter verschlossenen Türen nicht leicht ist, Partys zu feiern, wird mir klar, als wir Mahdis' Zuhause betreten. Sie und ihre Brüder wohnen noch immer in der kleinen Wohnung der Eltern, zwischen Perserteppichen und Sofaplüsch. Bequem, aber behütet. Nur die Schwester ist ausgezogen, nach der Hochzeit, wie das hier üblich ist. »Wir verstehen uns nicht so gut«, sagt Mahdis. »Sie interessiert sich nur für Mode und hockt daheim herum. Ich bin die Wilde.«

In den nächsten Tagen führt Mahdis mich durch die Stadt, muss mich dabei ständig vor Autofahrern retten: Sobald ich Blickkontakt aufnehme, um eine Straße zu überqueren, scheinen sie aufs Gas zu steigen. Es dauert, bis ich verinnerlicht habe, dass Frauen und Männer sich in der Öffentlichkeit nicht in die Augen schauen.

Mahdis zeigt mir die Sehenswürdigkeiten Sandschans – den Alten Basar, wo wir Messer und Kupferschälchen erfeilschen, das Ethnologische Museum im Kellergewölbe des Alten Waschhauses.

In der Öffentlichkeit macht der Hidschab mich zu einem Huschwesen, das ohne Unterlass an seinen Stoffzipfeln nestelt. Mahdis' Schal dagegen rutscht unauffällig vor und zurück wie ein lässiges Accessoire – je nachdem, was die Umgebung gerade zulässt.

»Ich habe kein Problem mit dem Hidschab«, sagt sie: »Ich bin gläubig. Aber einige meiner Freundinnen tun sich schwer mit den Sittengesetzen.« Eine sei mehrfach auf die Polizeiwache beordert worden, um sich belehren zu lassen, weil das Haar nicht so bedeckt war, wie es sollte. Dabei wird das Hidschab-Gebot selbst im konservativen Sandschan weit ausgelegt. Die Bandbreite reicht vom bunten Alibi-Schal bis zum Tschador, dem schwarzen Gespensterumhang. Nur Burkas gehören nicht zum Straßenbild. Mahdis guckt streng, als sie erklärt, dass die eine arabische Erfindung seien, die nichts mit dem Islam zu tun hätten.

Sie hat Glück, dass ihr jüngerer Bruder Farbode zugleich ihr bester Freund ist. In seiner Begleitung kann sie, ohne Anstoß zu erregen, ihren Bewegungsradius ausdehnen. Als sie eines Abends »Roadtrip« flötet, bietet er sich sofort als Fahrer an.

Stundenlang brettern wir am nächsten Tag durch Täler, über Kämme und Plateaus im ländlichen Distrikt Tarom. Wir überholen altmodische Motorräder, rauschen durch Olivenhaine und Bauerndörfer, bis wir im endlosen Faltenwurf der Berge auf einen Wildbach stoßen, der unter blühenden Kirschbäumen mäandert. »Voilà, das Paradies«, sagt Mahdis, als wir die Picknickdecke am Ufer ausbreiten. Und ich verstehe, was sie meint. Dieser versteckte Fleck bietet etwas Himmlisches: Zwanglosigkeit.

Nachdem wir ausgiebig mit hochgekrempelten Hosen über Steine balanciert sind, dösen wir unter dem Blätterspiel der Bäume. Erst als wir Autos hören, kommt Farbode seiner Pflicht als Anstandswauwau nach und murmelt: »Bedeckt euch.«

Auf der Heimfahrt lässt Mahdis den Kopf zu Taylor Swift wackeln und singt aus dem Fenster. Ich muss an unseren Kletterausflug denken und an den Roman Eskandar der Deutsch-Iranerin Siba Shakib, den ich im Flugzeug las: Dem Held öffnet sich die Welt, weil er sich als Einziger aus dem Dorf traut, über den verbotenen Berg zu klettern. Auch Sandschan liegt in einem engen Tal, umgeben von hohen Bergen.

Wenn Mahdis nicht an der Uni in Sandschan ist oder bei einem Bürojob, der so langweilig ist, dass sie nicht mal erklären will, was sie macht, geht sie mit Freundinnen in Cafés. Im »Herbst 85« sitzen wir in gedimmtem Licht auf Kunstledercouches. Bei Latte macchiato und heißer Schokolade erzählen die Frauen von ihren Ausflügen nach Teheran und dass sich vor allem in der Haupt- stadt in den letzten Jahren einiges geändert hat: »Männer und Frauen schütteln einander an der Uni jetzt die Hand«, sagt Samaneh, die in den beiden Kletterhallen von Sandschan als Trainerin arbeitet. »Frauen rauchen in Cafés«, legt Mahdis nach. »Überhaupt, ich war geschockt, wie viele Drogen die Studenten nehmen!« Für ihre Promotion will sie an die Uni- versität in Teheran wechseln.

Unter Kichersalven reden die Freundinnen über Männer. Mahdis schwärmt laut von Ryan Gosling, dann spielt sie die Nachricht eines Kumpels auf ihrer Mailbox vor: »Seine sexy Stimme würde ich heiraten!« Ihre Brüder sagen immer: »Wärst du ein Mann, würdest du ständig eine andere nach Hause bringen!« – »Und?«, frage ich. »Ich hätte mir schon mehr Grenzen von meinen Eltern gewünscht, das hätte mir schlechte Erfahrungen erspart«, sagt Mahdis und legt eine Pause ein, bevor sie in eine Art Currywurst beißt.

»Sportler brauchen Proteine«, kommentiert Samaneh und spannt den Bizeps unter ihrem Manteau, dem langärmeligen, über den Hintern reichenden Oberteil. Die 27-Jährige trainiert nicht nur den Nachwuchs der Frauen-Nationalmannschaft und volontiert in einem Rettungsteam, sie ist auch mit einem Bergsteiger verheiratet. Über ihren Knöchel hat sie sich einen Kletterschuh tätowieren lassen. Auf Instagram schreibt Samaneh: »Sie lachen über mich, weil ich anders bin. Ich lache über sie, denn sie sind alle gleich.«

Als wir sie in der Kletterhalle von Sandschan besuchen, dröhnt aus den Boxen gerade das Intro von Game of Thrones, das aber kaum ankommt gegen die Juchzer und das Gefluche ringsum. An den Kunstharzgriffen klammern Mädchen im Alter von fünf bis 15 Jahren, gesichert von Mädchen im Alter von fünf bis 15 Jahren. Keine Spur von Aufsichtspersonal. Stattdessen flattern offene Haare über Trägertops. Mutige Kletterzüge provozieren tiefe Stürze ins Seil. Ich werde beinahe neidisch auf das Selbstvertrauen der Mädchen: In meinen ersten Kletterjahren war ich fast nur mit Männern unterwegs. Vor Stürzen habe ich immer noch Angst.

Kaum hat Samaneh mich vorgestellt, werde ich von den Teenagern angesta- chelt, mit ihnen eine Route auszutüfteln. Die Lauteste trägt raspelkurzes Haar und lässt beim Hangeln mit Absicht ihre Muskeln spielen. Die Kleinste erzählt in flüssigem Englisch, wie nervig sie den Hidschab finde und dass ihre Mutter mit ihr Mountainbiken gehe, um Wind an den Nacken zu lassen. Im Dunst von Kreidepulver und Mattenmief keimt in dieser Halle etwas: Eine Generation schwört sich darauf ein, selbst zu bestimmen, was Frauen können, müssen und dürfen. Ein Spirit, der auch Profi-Kletterin Farnas Esmaeilsadeh gefallen dürfte.

Nach Tagen, in denen sie wie eine Schimäre um uns gewabert ist, treffe ich sie endlich persönlich. Die große Heldin der kletternden Mädchen sitzt in einem Teheraner Café in einem der offenen Zwischengeschosse der Tabiat-Brücke. Wie immer schimmern schneebemützte Berge durch die Smoghaube der Zwölf-Millionen-Stadt.

Die schnellste Kletterin Persiens ist erschöpft und frustriert. Seit Wochen hängt sie in Teheran fest, um Physiotherapeuten abzuklappern und Verletzungen auszukurieren. Eigentlich wollte sie zum Weltcup nach China. Aber wie so oft hat sie keine Sponsoren für die Reise gefunden. »Internationale Firmen«, sagt sie vorsichtig, »haben oft ein Problem mit der Religionssache.«

Dabei schreibt sie auf Facebook: »My religion ist humanity.« Dazu stecken ihr Piercings im Ohr, und ein fliederfarbener Pony schaut unterm lose um den Kopf gelegten Schal hervor.

Farnas wusste schon früh, was sie wollte. Ihre Eltern waren Bergsteiger, ihr Vater sogar 22-mal auf dem Damawand, mit 5610 Metern der höchste Gipfel im Nahen Osten; ihr Bruder bezwang damals schon Irans Big Walls. Doch um Profi-Kletterin zu werden, brauchte Farnas Zugang zu Sandschans Kletterhalle, und die war für Mädchen tabu. Also wurde sie, gerade mal 13 Jahre alt, mit ihren Freundinnen und ihrer Mutter im Sportministerium vorstellig. »Unsere erste Halle war dann ein Bunker ohne Fenster. Im Winter war es so kalt, dass wir ein Feuer gemacht haben.«

Mit den ersten Wettkampferfolgen wich der Widerstand, immer mehr Eltern schick- ten ihre Töchter. Und Farnas, die sich ihre Technik vor allem aus Filmen und Büchern abgeguckt hatte, gab Kletterkurse.

Die größte Hürde für sie selbst bleibt, dass es Frauen verboten ist, mit Männern unter einem Dach zu trainieren. Das bedeutet Schichtbetrieb und schränkt nicht nur die Trainingsstunden ein: Farnas würde sich gern mit Männern messen oder von ihnen trainieren lassen. Seit Jahren räumt sie national im Speed-Climbing die Goldmedaillen ab; ihr fehlt die Konkurrenz. Sogar die Übungspläne schreibt sie sich selbst.

Als wir im Frauenabteil der U-Bahn ein Stück durch Teheran fahren, wirkt Farnas wie eine Außerirdische mit ihren lila Haaren und den Outdoorschuhen. Daheim in Sandschan muss sie auffallen wie ein bunter Hund. Vor allem wenn sie mit ihrem Mountainbike von der Wohnung in die Kletterhalle radelt. »Ich kümmere mich nicht darum, ob die Leute gucken«, sagt sie. »Meist habe ich Musik in den Ohren.«

Farnas vermisst Sandschan. Die gute Luft, ihre Trainingsroutine und nicht zuletzt die zertifizierten Griffe, die sie von ihrem Geld gekauft hat. Am Wochenende will sie nach Hause, raus an den Fels, um mit ihrem Bruder ein paar Mehrseillängen zu machen. In den Bergen limitiert nur das Sonnenlicht die Kletterzeit.

(erschienen in: Die Zeit)