Obwohl sie ungarische Wurzeln hat, hat unsere Autorin die Hauptstadt bisher gemieden. Jetzt, in düsteren Zeiten, trifft sie dort auf subversive Fröhlichkeit.

Budapest Fazekas Zeit

zum pdf der Story in Die Zeit

Lustig klumpt mir das Wort am Gaumen: "Flódni." Wenn Ráchel Raj es flötet, zergeht es ihr behaglich auf der Zunge. Und genau das sei er ja, der Flódni: "Ein Kuchen, wie ihn eine jiddische Mamme ihren Kindern zum Naschen gibt." Ráchel, mit Klimperwimpern und im kleinen Schwarzen, ist gebürtige Budapesterin. Außerdem Rabbi-Tochter. Hat mal Modedesign studiert und verordnet ihren Landsleuten nun jüdischen Schichtkuchen. Der Flódni ist ihr Unterhändler, der ihnen über diese "Sache" weghelfen soll. "Ich will es nicht Hass nennen", sagt sie mit zuckersüßem Lächeln. "Aber die Ungarn brauchen manchmal jemanden, der ihnen sagt, was sie mögen sollen."

Diese Sache ist schuld daran, dass ich bisher keine Lust hatte, nach Budapest zu reisen. Dabei wuchs mein Vater in Ungarn auf, in einem Fabrikstädtchen nicht weit von hier. Als die Ungarn 1956 gegen die kommunistische Herrschaft aufbegehrten, marschierten die Lehrlinge vorweg, unter ihnen auch der Cousin meines Vaters; sie fielen zuerst, als die russischen Soldaten in die Menge schossen. Mein Großvater stand als Arbeiterrat auf der schwarzen Liste, deshalb packte er Frau und Kinder auf Fahrräder, und sie flohen bei Nacht durch Maisfelder, erst mal nach Österreich.

Als Kind fand ich die Geschichte dieser Flucht zwar ungeheuer romantisch. Von unseren Retour-Reisen jedoch behielt ich nur eine vage Melancholie der Kittelschürzen im Gedächtnis. Was uns in Bayern blieb, das waren die gefüllten Paprikaschoten meiner Großmutter und ein komischer Nachname.
Eine Weile gefiel es mir, nicht ganz deutsch zu sein. Als ein Freund von jungen Ungarinnen erzählte, die in Reifröcken am Plattensee flanierten, hakten wir das noch als schrulligen Patriotismus ab. Aber bald verdüsterten sich die Nachrichten. Antisemitismus, Roma-Verfolgung, Großungarn an Wohnzimmerwänden.

Später zog ich nach Tel Aviv, und Ungarn rückte noch weiter weg. Dann treffe ich beim Feiern einen jüdischen Budapester, der sagt, seine Stadt sei anders: liberal, weltoffen, fröhlich – ganz viel passiere da gerade. Seitdem will ich es suchen, dieses andere Ungarn, will es dort finden, wo es am lebendigsten sein soll: im Jüdischen Viertel von Budapest.

Als das Flugzeug aus Tel Aviv landet, müssen wir sitzen bleiben, die Ausländerpolizei kommt an Bord, sucht irgendwas. Im Bus in die Innenstadt fliegt draußen die Hetzkampagne vorbei, mit der Premier Viktor Orbán das Land zugekleistert hat. Wählerfang mit dem Feindbild der Nationalisten: George Soros. Dem Rest der Welt ist er als US-Milliardär und Menschenfreund bekannt. Hier weiß man auch, dass er als ungarischer Jude den Holocaust überlebt hat und dass er neben anderem die Internationale Uni in Budapest finanziert. Der Rechten liefert das den Stoff für eine bizarre Verschwörungstheorie. Soros wolle systematisch Migranten an Orbáns Zaun vorbeischleusen. Mit allen Übeln im Gepäck: Zionismus, Islamismus und Globalisierung. "Lassen wir nicht zu, dass Soros zuletzt lacht!", steht neben seinem Gesicht.

In der Metrolinie aus Sowjetzeiten riecht es, wie ich mir den Geruch von warmem Schweineschmalz vorstelle. Aber als ich am Pest-Ufer der Donau ins Licht steige, sind Kommunismus und plakativer Kleingeist erst mal vergessen. Alles strebt nach oben, die Fassaden, die Gondeln des Riesenrads im Elisabethpark, die Kuppel von Sankt Istvan sowieso. Und dahinter dann in die Weite, denn da macht er sich breit, dieser Strom, den ich nur im Ulmer Kleinformat kannte. Die 400 Meter lange Kettenbrücke wirkt zu Fuß unüberwindbar. Drüben im königlichen Buda trutzen die Zitadelle und der Burgpalast auf ihren Hügeln. Aber auch entlang der Uferpromenade auf der flachen Pest-Seite wird ordentlich geklotzt.

Ich lasse den Putz hinter mir und spaziere ein Stück den Andrássy-Boulevard hinauf. Angelegt zur Sisi-Zeit, damit die Bevölkerung zwischen Villen bis zum Stadtwäldchen lustwandeln konnte. Stattdessen nehme ich eine Kehre in den VII. Bezirk, die Elisabethstadt. Hier habe ich mich bei Vietnamesen in einem Rückgebäude der Dohány-Straße eingemietet, mitten im Jüdischen Viertel.

Die Jugendstilfassaden sind gerade abgeschrammelt genug, um mir zu gefallen. Durch die getönten Fensterscheiben eines koscheren Restaurants erspähe ich die schwarzen Hüte orthodoxer Juden. Auf der Straße dagegen nackte Beine. Sie gehören zu Touristen und jungen Budapestern in Ausgehlaune.

1944 sperrten die Nazis das Viertel ab, es wurde zum Ghetto für 60.000 Juden. 2017 ist es ein Party-Labyrinth. In jeder Straße klaffen Lücken, ganze Blocks sind zerklüftet von Abrissbirnen. Aber statt Tristesse wuchert das Leben aus den Ruinen. Mal schummrig, mal schillernd, immer bunt. Überall gibt es Bier und Musik. Ein bisschen Klezmer, viel Elektro. Romkocsmák heißen die improvisierten Pubs und Biergärten. Das ganze Viertel fühlt sich an wie eine Zweigstelle von Tel Aviv: eine Blase der Heiterkeit im Irrsinn. Schulbuben mit Kippa auf dem Kopf huschen durchs Feiervolk wie Schemen aus der Vergangenheit.

Die Orthodoxen waren noch lange nach der Wende die Einzigen, die sich für das Viertel interessierten. Bunt wurde es erst in den 2000ern. Zur selben Zeit, als die Rechten der Jobbik-Partei ins Parlament einzogen. Plötzlich wehrten sich Künstler und Intellektuelle dagegen, dass das historische Erbe Immobilienhaien zum Opfer fiel. Ein paar Studenten nisteten sich in einer alten Ofenfabrik ein, und so entstand die erste Ruinenbar: das Szimpla Kert.
Vorfreudig stolpere ich an den bulligen Türstehern vorbei – und gleich wieder hinaus. Wie das so ist mit Gegenkultur. Sobald Junggesellenabschiede sie entdeckt haben, wirkt auch ein Inventar aus Badewannen und rostigen Kirmesfiguren nicht mehr kultig, sondern kitschig.

Das Szimpla mag seine Blütezeit hinter sich haben, seine Samen aber hat der Wind in alle Richtungen verstreut. Am Morgen, wenn die Katerwolke noch über den Straßen hängt, hat man an den nackten Fassaden was zu gucken: Urban Art im Imax-Format. Ich entdecke einen Zauberwürfel, die Erfindung des Ungarn Ernő Rubik. Das Fußballspiel in Wembley 1953, in dem Ungarn die Briten rauskickte. Ein Times-Cover von 1957, das einen Freiheitskämpfer des Aufstands zum Mann des Jahres erklärt. Ikonen der Vergangenheit, auf die sich alle einigen können.

Dann treffe ich Borcsa Lakos. Die 31-Jährige hat gleich um die Ecke im ältesten Rabbinerseminar der Welt Jüdische Kultur studiert und verdingt sich als alternativer Tourguide. Wie ein Kolibri surrt sie von Ecke zu Ecke. Decodiert mir hier einen Betonstreifen auf dem Bürgersteig als Überbleibsel eines Ghetto-Tors. Dechiffriert mir dort ein poppiges Wandgemälde mit Schnurrbart-Gesicht: "Das war ein spanischer Diplomat, der 5.000 Budapester Juden gerettet hat."

Die Stadt kümmere sich wenig darum, die Erinnerung an die jüdische Geschichte zu wahren, sagt Borcsa. Erst nach langem Streit ließ man eine winzige Plakette an der Ruine der ersten Synagoge anbringen. Sie steht im Burgviertel, drüben in Buda, wo jüdische Händler im Gunstkreis des Königshauses wohnten. 1867 erhielten sie endlich das Bürgerrecht. Sie ließen in der Dohány-Straße die bis heute größte Synagoge Europas bauen und besiedelten die Felder dahinter. Zwischen den Weltkriegen lebten mehr als 200.000 Juden in Budapest.

Borcsa zeigt auf das Dach der Großen Synagoge: "Siehst du die Gesetzestafel?" Sie ist der einzige Hinweis darauf, dass es sich um ein jüdisches Gotteshaus handelt. Tatsächlich erinnert die Basilika mit den orientalisch geschwungenen Zwiebelhauben eher an eine Moschee. Drinnen ist sie wie eine Kirche gestaltet, inklusive Orgel. "Damals standen die Juden mitten in der Gesellschaft", sagt Borcsa. "Sie verstanden sich vor allem als Ungarn und gingen mit der Mode."

Im Garten der Synagoge lässt die Skulptur einer Trauerweide silbrige Zweige hängen. In ihre Blätter sind die Namen der Schoah-Opfer von Budapest graviert. Sie starben in Auschwitz, auf Todesmärschen oder wurden von den Pfeilkreuzlern massakriert, den ungarischen Statthaltern der Nazis. Die Hälfte der Budapester Juden überlebte den Krieg. Doch im Kommunismus war wenig Platz für ihre Kultur.

Als wir im sonnigen Innenhof des Masal Tov Cappuccino bestellen, spreche ich den Kellner beinahe auf Hebräisch an. Auch das Ricsi's, in dem man "jüdistsches Streetfood aus aller Welt" auf Bierbänken isst, gibt sich lässig wie eine Tel Aviver Hummus-Bar.

Einer von denen, die sich ihre Identität selbst zurechtgebastelt haben, nach dem Schweigen der Eltern und Großeltern, ist der 36-jährige Gábor Mayer. Borcsa stellt ihn mir als "den Hipsterjuden" vor. Weil er nicht nur das Nachtleben aufmischt, sondern auch das letzte Schtiebel Budapests unter Regie genommen hat. Die Betstube hat Nazi-Zeit und Kommunismus überdauert. Dass die Gemeinde seit ein paar Jahren wächst, ist Gábor zu verdanken.

Der Weg in die Zeitkapsel führt durch die benachbarte Josephstadt, den VIII. Bezirk. Einst bürgerliche Wohngegend, wegen der ersten Zugstationen aber auch arrival city, vor allem für arme Juden und Roma vom Land. Später verschrien wegen Prostitution und Kriminalität. Vorbei an Männern mit abgekämpften Gesichtern, die vor dreckgebeizten Häusern und Pfandleihen sitzen. Über den Hinterhof eines Mietshauses mit moosigen Wäscheständern, durch eine schlichte Tür: Ich trete in ein Wohnzimmer aus der vorigen Jahrhundertwende, in ein Sammelsurium aus abgestoßenen Synagogenmöbeln, die Wände sind mit einem taubenblauen Muster aus Davidsternen bedruckt. Im Schrank stehen achteinhalb Thora-Rollen, nur zwei davon noch koscher, also vollständig. Allein in der Josephstadt habe es einmal fünfzig solcher Betstuben gegeben, sagt Gábor, der zum Schabbat seine Kippa trägt.

Trotz Sommerhitze hat sich die Gemeinde in Schale geschmissen. Jeder auf seine Weise. Rabbi Sholom Hurwitz und sein kleiner Sohn tragen die schwarze Tracht der orthodoxen Lubawitscher. Drei junge Männer die weißen Zipfelmützchen der hippiesken Na-Nach-Bewegung; einem lugen Dreadlocks darunter hervor. Eine junge Frau namens Melinda, die in ihrem langen Rock besonders fromm wirkt, entpuppt sich nicht nur als Bollywood-DJane, sondern auch als Calvinistin, die konvertieren wollte, bis sie merkte, dass sie hier auch so willkommen ist; genau wie die zwei alten Herren, praktizierende Katholiken, die bei Kaffee und veganem Beigel in der Küche sitzen.

Während die Männer hinter dem Spitzenvorhang singen und beten, helfe ich Melinda, den Tisch zu decken. Sie sagt, dass unter Orbán nicht nur der Antisemitismus gewachsen sei, sondern auch das Interesse für die jüdische Kultur. Oft wollte sie weg aus Ungarn. "Aber jetzt habe ich hier meine Familie gefunden."

Später dürfen wir Frauen ganz unorthodox zur Thora-Stunde dazukommen. Nach dem Mittagessen und einer Runde vom selbst gebrannten Apfelschnaps des Rabbis laufe ich mit ihm und seinem Sohn in den VII. Bezirk zurück, und er erzählt, dass sie vor ein paar Jahren noch Angst hatten, den Davidstern auf der Straße zu tragen. Heute drehen sich nur die Köpfe um nach dem großen und dem kleinen Mann mit den schwarzen Mänteln. "Mehr als Grimassen und Sprüche sind es nicht", sagt der Rabbi. Eine Clique in Unterhemden, unterwegs zur Gay-Parade, grüßt sogar: "Schabbat Schalom!"

Organisiert wurde die Gay Pride von einem Untergrund-Gemeindezentrum. Allerdings hat die Stadt das Haus vor zwei Wochen dichtgemacht. Viele glauben, dass der Grund dafür nicht nur das Cannabis war, das bei einer Razzia gefunden wurde. Neben einem jüdischen Jugendverein hatten hier die Flüchtlingsrechtshilfe und das Pressezentrum der Roma ihr Basislager. Ich muss an die müden Gesichter in der Josephstadt denken. Der Teufelskreis aus Armut und Ausgrenzung hält die Roma im Schatten. Die Hetze der Jobbik-Partei tut das Ihre dazu. Vor acht Jahren eskalierte der Hass: Rechtsextreme verübten im ganzen Land eine Serie von Mordanschlägen. Das war der Anlass für Erika Varga, sich an die Nähmaschine zu setzen. Die Goldschmiedin hatte sich vorher schon für Roma-Gemeinschaften engagiert. Dann fand sie einen Weg, ihre Botschaft plakativ unters Volk zu bringen.

In einer winzigen Villa hat Erika ihr Modeatelier eingerichtet. Stolz wirkt sie und etwas schwermütig in ihrer schwarzen Tunika – mit Abstand ihr schlichtester Entwurf. Die Garderobenstangen biegen sich unter der Last exaltierter Kleider. Die Designerin spielt mit den bunten Trachten, die sie aus ihrer Kindheit kennt, als sie mit ihrer Familie noch in Wohnwagen übers Land zog. Rosen, die für Jungfräulichkeit stehen. Knallfarben, die traditionell Klan und Status der Träger anzeigen.

Models führten die Kreationen von Romani Design schon in Berlin und Paris vor. Wichtiger aber ist Erika das eigene Land. Eben erst liefen angesagte Schauspieler und Musiker für sie über den Laufsteg. Erika hatte ihnen die Porträts der vergessenen Roma-Helden des Ungarn-Aufstands auf die Brust gedruckt. "Meine Kleider sind wie der Davidstern", sagt Erika: "Es braucht Mut, sich in Ungarn damit sehen zu lassen."

Als ich am Nachmittag über die Ringstraße hoch zum Donauufer laufe, ist da wieder dieses Unbehagen. Der Glanz vergangener Zeiten kommt mir kulissenhaft vor. Im Café New York trafen sich einst Literaten und Künstler, heute ist es das Restaurant eines Luxushotels. Der gläserne Westbahnhof von Gustave Eiffel spuckt keine Kosmopoliten mehr in die Stadt. Das Lustspielhaus, bekannt für sozialkritische Stücke, wurde längst mit dem national gesinnten Kulturbetrieb gleichgeschaltet.

Ich muss an das Buch denken, das mir meine Tante zum Geburtstag geschenkt hat: "Ungarn in der Nussschale." In einer Anekdote vergleicht ein Graf die politischen Spielregeln mit Budapests erster Metro-Linie: "An der Oberfläche herrscht Rechtsverkehr, unterirdisch bewegt sich alles linksrum."
Vielleicht muss man es einfach wie Ráchel Raj machen und leichtfüßig auf der Oberfläche durch den Rechtsverkehr wirbeln. Ich treffe die Tortenfee im Bohème-Quartier Újlipótváros. Dort wohnt sie mit Mann und zwei Söhnen in einer lichten Art-déco-Wohnung. Die 36-Jährige musste sich ihr Judentum nicht erst aneignen wie Gábor. Anders als Erika hatte sie nie das Gefühl, ein Underdog zu sein. Ihr Vater war im Schtiebel Rabbi und nach der Wende für die Liberalen im Parlament.

Als ihre Mutter neben dem Judaika-Geschäft im VII. Bezirk ein Kaffeehaus eröffnete, begann Ráchel zu backen und wurde so bekannt, dass sie eine eigene TV-Show bekam. Sie fertigt die ausgefallensten Torten, teils in rekordverdächtiger Größe. Ihr Schlager aber bleibt der schlichte Flódni. "Apfel, Walnuss, Zwetschge und Mohn, typische ungarische Zutaten – nach jüdischem Familienrezept." Dass sich ausgerechnet das Jüdische Viertel in einen Szene-Distrikt verwandelt, hätte selbst die Rabbinertochter im Minikleid nicht erwartet.

Am Abend treffe ich sie mit Gábor in einer Craft-Beer-Schenke wieder und habe bald so oft "Egészségére!" geprostet, dass ich mich nicht mehr verhasple. Gábor wird seinem Ruf als Hipster gerecht und schleust uns, vorbei an britischen Kampftrinkern, in Bars, die so geheim sind, dass selbst die Szene sie noch nicht entdeckt hat. Nach einer Runde trunkener Ballerspiele in einer Automatenhöhle, einem garantiert nicht koscheren Burger und einer Wanderung durch eine dunkle Parkgarage, in der wir nur noch den Tresen des Pop-up-Clubs finden, landen wir in einem Ruinengarten, dem Köleves Kert, auf bunt gestrichenen Gartenstühlen neben Schaukeln und glimmenden Lampions, unter denen sogar die aufgedrehte Ráchel einen Gang runterschaltet.

Die nächsten Tage stromere ich durch die Straßen, will auch mal rüber nach Buda. Doch jedes Mal, wenn ich die Kettenbrücke erreiche, werde ich unruhig, und es saugt mich in den Trubel von Pest zurück. In Borcsas Lieblingscafé, dem Massolit, werde ich schon unter Inventar verbucht, wie die Bücher in den Regalen, welche die Lücken im ungarischen Geschichtsunterricht stopfen. Stundenlang sitze ich im versteckten Garten und schaue auf die Feigenbäume mitten im Partybezirk. Manchmal ergeben sich Gespräche. Meist sind sie politisch. Derzeit, sagt einer, sei die Stimmung in Budapest beinahe wie nach dem Aufstand. Als man nie wusste, wer mithört. Sonne im Gesicht, Kirschkuchen im Mund, möchte ich am liebsten drüber weghören.

Am letzten Abend raffe ich mich auf zu einer Tour auf den Freiheitsplatz. Hier hat Orbán 2014 in einer nächtlichen Aktion seine Version eines Holocaust-Mahnmals aufstellen lassen. Ungarn in Engelsgestalt hebt hilflos die Arme, über ihm setzt ein deutscher Reichsadler zum Angriff an. Dann fällt mein Blick nach unten. Vor dem Unschuldsengel haben Protestler einen Stacheldraht aufgespannt, dicht behangen mit Fotos der Ungarn, die durch Ungarn ums Leben kamen. Auf den Linksverkehr ist doch Verlass. Auf Wiedersehen, du dunkelbuntes Budapest.

(erschienen in Die Zeit)