Viele junge Frauen in Teheran führen ein Leben beinahe wie im Westen – allerdings im Verborgenen. Fatemeh Akrami hat das Versteckspiel satt. Beim Parkour-Laufen durch die Parks der Stadt testet die 24-Jährige nicht nur die Grenzen ihres Körpers

Parkour Iranzum pdf der Story in Brigitte

Die Mütter auf dem Spielplatz im Tawallod Park im Norden Teherans fächern sich Luft unter ihre Schleier.
Während ihre Kinder im Sand buddeln, schauen sie hinüber zu der jungen Frau, die auf einer Schaukel sitzt und ein schwarzes Tuch aus ihrem Rucksack kramt. Die junge Frau löst den bunten Schal, der ihre Locken kaum bändigt, und legt sich das schwarze Tuch um Kopf, Hals und Brust.

Dazu trägt Fatemeh Akrami, 24, enge Jeans und ein Oberteil, das weit über die Hüften reicht; ihr Kompromiss zwischen Mode und Sitte. Wenn zu viel Haaransatz sichtbar ist, zu viel vom Hosenbein, kann es im Iran passieren, dass Frauen von der Sittenpolizei oder selbst ernannten Moralwächtern auf die Polizeiwache geschleppt werden.

Fatemehs Gesicht ist jetzt eingerahmt von ihrem schwarzen Tuch. Sie will den Sittenwächtern so wenig Angriffsfläche wie möglich bieten. Vor fünf Jahren hat sie sich als eine der ersten Frauen im Iran der Parkour-Szene angeschlossen. Mehrmals in der Woche trifft sie sich nun mit ihrer Clique im Tawallod Park, um Mauern zu erklimmen, wie Katzen von Sims zu Sims zu springen und dabei ziemlich viele Augen auf sich zu ziehen.

Das Parkour-Laufen – Ende der 80er-Jahre in der Pariser Banlieue erfunden – ist illegal im Iran. Zwar toleriert die Polizei die Läufer meist, aber nur solange sie sich „sittlich" verhalten. Und das wiederum ist Auslegungssache wie der Sitz des Kopftuchs. Die spielerische Überwindung von Grenzen, die Körper und Umgebung setzen – das ist die Philosophie der Läufer.

Fatemeh Akrami überwindet dabei nicht nur sichtbare Hürden. Im Iran fahren Frauen weder Fahrrad noch dürfen sie zum Zuschauen ins Fußballstadion. Sport findet offiziell streng nach Geschlechtern getrennt statt, und für Frauen stets hinter geschlossenen Türen.

Trotz Hitze zieht sich Fatemeh noch ein T-Shirt über, um den Hidschab zu fixieren. Einmal sei ihr das Tuch vor die Augen geschlagen, als sie gerade einen Salto über eine Balustrade machte. „Ziemlich gefährlich, so ein Kopftuch", sagt sie und muss grinsen. „Aber dieses Land hat nun mal seine Regeln." Unter dem Shirt verschwindet auch die US-Army-Marke, die sie um den Hals trägt. Sie begeistert sich für die Navy Seals, „weil das die taffsten sind".

Man kann Fatemehs Mut und ihren Willen, die Grenzen auszutesten, besser verstehen, wenn man ihre Mutter kennt. Azam Akrami, 42, wuchs in den 80er-Jahren auf, der Schah war gestürzt, und mit ihm nicht nur die Diktatur, sondern auch die Orientierung zum Westen. Die Islamische Revolution mit ihren rigiden Sittengesetzen nahm den Frauen alle Freiheiten; mit der Gründung der Islamischen Republik war auch der Tschador wieder da, der schwarze Umhang, den der Schah 1936 verboten hatte.

Azam selbst musste sich fügen, doch für ihre einzige Tochter hoffte sie auf etwas Besseres. „Ich wollte, dass meine Tochter erfährt, dass es keine Grenzen für sie gibt", sagt Azam später, im Wohnzimmer der Familie in einem schlichten Mietshaus im zentral gelegenen Teheraner Stadtteil Sattarkhan. „Jeder Generation sollte es doch eigentlich besser gehen als der vorherigen."

Azam meldete ihre Tochter zum Turnen an, als sie fünf Jahre alt war. Anders als in vielen muslimischen Ländern hat Frauensport eine Tradition im Iran, bereits bei den Sommerspielen 1964 in Tokio trat eine Perserin im Turnen an. Doch seit der Iran 1979 zum Gottesstaat wurde, dürfen Turnerinnen, der knappen Anzüge wegen, nur noch bei Wettkämpfen in islamischen Ländern antreten und nur unter den Augen von Frauen trainieren.

Azam gab sich damit nicht zufrieden. Sie riskierte viel, um ihre Tochter auf internationales Niveau zu bringen. Heimlich engagierte sie den Trainer der Männermannschaft und schlich sich nachts mit Fatemeh und einem zweiten Mutter-Tochter-Gespann in deren weit besser ausgestattete Trainings- halle. Die Mütter standen Schmiere, während die Töchter übten. „Natürlich war das riskant", sagt Azam, vor lauter Stress habe sie sechs Kilo verloren. Sie zeigt ein Video, in dem die Mädchen wie Püppchen in eine mit Schaumgummiteilen ausgelegte Grube fliegen. „Ich habe Fatemeh ganz schön gefoltert." Die legt ihr den Arm um die Schultern wie eine Schwester und sagt: „Nun ja, wir beide hatten unsere harten Zeiten."

Als Fatemeh mit 16 Jahren erreicht hatte, was die islamische Turnwelt an Wettbewerben und Auszeichnungen bot, schmuggelte Azam sie mithilfe einer Freundin als Mitglied der ungarischen Mann- schaft auf die Turn-EM in Mailand. Nur ein einziges Mal wollte sie sehen, ob ihre Tochter international mithalten konnte. Fatemeh schwebte auf dem Balken bis ins Finale, doch dann wurde es dem ungarischen Trainer zu heikel, er ließ sie nicht mehr antreten. Ob man das alles schreiben dürfe? Klar, sagt Azam, „kümmert doch jetzt eh keinen mehr".

In der Wohnung, in der Fatemeh mit ihren Eltern lebt, findet sich keine Spur ihrer Turnerkarriere, nicht über den schicken Ledercouchen und nicht im Regal neben dem antiken Rechenschieber ihres Großvaters. Azam muss überlegen, bevor sie eine Plastiktüte vom Kleiderschrank zieht. Dutzende Medaillen klimpern auf den Teppich. „Das sind längst nicht alle", sagt Fatemeh. Einige habe sie verschenkt. „Wenn das Land sich nicht um die Erfolge schert, wieso sollten wir sie feiern?", sagt Azam.

Erfolge messen die beiden längst nicht mehr in Haltungsnoten, sondern in Herzchen auf Instagram. Im Gegensatz zu anderen Seiten wird die Plattform von der Regierung nicht zensiert. Fast 12000 Fans hat Fatemeh schon. Auf den Bildern schlägt sie Räder, ohne die Arme aufzustützen, balanciert im Spagat auf einer Dachkante. Auf manchen Fotos segelt sie im Wingsuit hoch über der Welt. Das ist ihre zweite Leidenschaft: Wenn ihr der Park zu klein wird, reist sie nach Dubai, um Fallschirm zu springen; im Iran springt sie selten. Als Studentin der Ingenieurswissenschaften mit ihrem Nebenjob als Trainerin des weiblichen iranischen Turn-Nachwuchses könnte sie sich die Sprünge nicht leisten. Doch die Eltern unterstützen sie, der Vater arbeitet fürs Justizministerium und hat ein gutes Einkommen. Mit ihm hat Fatemeh einen Deal: Sie bringt gute Noten im ungeliebten Studium nach Hause, dann hält er sich aus ihren Freizeitaktivitäten heraus.

Und auch aus der Beziehung zu Daryush. Der hatte ihr vor fünf Jahren, auf dem Heimweg von der Uni, erste Parkour-Moves gezeigt und war überrascht gewesen, wie leicht sie Fatemeh fielen. Seitdem sind sie ein Paar. Ihr Vater toleriert die Beziehung, „er ist etwas überfordert mit dem Draufgängertum seiner Frauen, aber voll Respekt", sagt Fatemeh. „Nur die Verwandten lästern: ,Wo soll das hinführen?'"

Die meisten ihrer Freundinnen verheimlichen den Sport vor ihren Familien. Fatemeh nicht, sie nimmt ihre Mutter manchmal sogar mit in den Park. Auch für Azam war es eine Befreiung, als Fatemehs Turn-Karriere zu Ende war und sie sich endlich von ihrem Traum, aus ihrer Tochter eine weltweit berühmte Turnerin zu machen, lösen konnte. Sie, die nach der Hochzeit zu Hause blieb und all ihre Energie in die Karriere der Tochter steckte, studiert jetzt Englisch, will Dolmetscherin werden.

„Der Parkour hat mir geholfen, mich auch im Iran frei zu fühlen", sagt Fatemeh. Ihre Freunde sehen das ähnlich. Elnaz, die als Profikletterin vor ein paar Monaten dazustieß, um mehr Selbstbewusstsein zu gewinnen; Nasim, still und bedächtig, unter deren Tuch mit Totenkopfmuster Dreadlocks baumeln; Fatemehs Freund Daryush, 27, auf dessen Shirt der Name ihrer Crew steht: „Parvaz" – das persische Wort für Fliegen. Vor elf Jahren stieg Daryush in den Parkour ein. Damals hatten die Leute, die sie im Park beobachteten, so etwas noch nie gesehen, erzählt er. „Sie dachten, wir seien Selbstmörder."

Bevor die Gruppe richtig abhebt, erscheint der Parkwächter. Er hat beobachtet, wie die Frauen zum Aufwärmen von einer Seite der Weg-Einfassung zur anderen sprangen, gut zwei Meter, aus dem Stand gehockt. „Ich weiß, was ihr hier treibt", meckert der Mann. Die Spielplatzmütter gucken zur Seite.

Schulterzuckend packen die Freunde ihre Rucksäcke zusammen und ziehen zum nächsten Spot um. Ein Dutzend solcher Plätze haben
sie in Teheran gefunden, öffentlich, aber nicht zu offensichtlich. „Wir versuchen nicht zu provozieren", sagt Fatemeh.

Nur einmal hat sie Schwierigkeiten bekommen, vor ein paar Monaten, als sie mit Daryush zwischen Hecken nach Hindernissen suchte. „Die Beamten waren von der Umweltpolizei, sie dachten, wir handeln mit Drogen." Es half, dass ihre Eltern sie von der Wache holten und versicherten, dass Daryush ein guter Freund der Familie sei. Jetzt kann Fatemeh darüber lachen. Drogen! Das ist nicht ihre Welt, obwohl sie Freundinnen hat, die jeden Tag verkatert in die Uni kommen. „Ich bin kein Partygirl", sagt sie. Wenn sie nicht frühmorgens aufsteht, habe sie das Gefühl, nicht alles rauszuholen aus ihrem Leben.

Eine drei Meter hohe Backsteinmauer, der nächste Spot. Wie in einer Arena sitzen unten ein paar Männer, betont gleichgültig, doch immer wieder huschen Blicke zu den Frauen mit den flatternden Kopftüchern. Hände klatschen auf die raue Kante. Oder rutschen ab. Daryush hockt oben und gibt Tipps. „Vorsicht, ein paar Platten sind lose." Zu Nasim sagt er: „Lauf nicht wie ein Mädchen." Dann verbessert er sich: „Ich meine: Lauf einfach schneller!"

(erschienen in Brigitte)