An der Küste Israels liegt ein winziges Land, das nach eigenen Regeln funktioniert. Seine Nationalhymne ist das Rauschen der Wellen. In den Siebzigern haben Sophia Loren und Paul Newman hier gebadet und gefeiert. Heute blättert die First Lady persönlich mit Staatsgästen durch ihre Fotoalben.

Mikronation Zeit Fazekas

zum pdf der Story in Die Zeit

Der Sicherheitsbeamte am Bahnhof von Tel Aviv stopft meinen Rucksack in die Röntgenschleuse und nimmt mich ins Verhör. Gehorsam zeige ich meinen Pass, in dem die israelischen Visa inzwischen sechs Seiten füllen. Wohin die Reise geht? In ein freies Land, liegt mir auf der Zunge. »In den Norden«, sage ich stattdessen.

Ich bin einer Legende auf der Spur. Ein Idyll am Strand soll es sein, ein winziger Staat im Staat ohne Gesetze, ohne Religion und ohne Beamte. An seiner Spitze ein Erotik-Fotograf und Hobby-Archäologe, der als Präsident von eigenen Gnaden beachtlichen Erfolg hat. Außer dem Sultan von Oman regiert im Nahen Osten niemand länger als Eli Avivi. Mit seiner Frau habe ich tags zuvor am Telefon geplaudert. In Achzivland gibt es nur eine Verbindung, und die führt direkt zur First Lady. Der Staatsgründer hört nicht mehr gut.

Für zwei Tage will ich Urlaub machen in der Utopie. Viel verrückter als das Land ringsum kann sie nicht sein. Meinen Platz im Zug teile ich mit dem Lauf eines Maschinengewehrs und dem nervös wippenden Bein des dazugehörigen Soldaten.

Tausende von Mikronationen gibt es in der Welt, Scheinstaaten, Fantasiegebilde. Die meisten entstehen an entlegenen Orten, für die sich sonst niemand interessiert. Sie werden von den Behörden ignoriert oder mit einem Schmunzeln geduldet. Aber dem ohnehin winzigen Israel ein Stück abknapsen – einem Land, in dem seit seiner Entstehung jeder Quadratmeter umkämpft ist? Dazu muss mehr gehören als ein bisschen Chuzpe. 1972 sollen Eli Avivi und seine Frau Rina ihre israelischen Pässe zerrissen und eine Flagge mit einer Meerjungfrau gehisst haben.

Endstation Naharija. Die nördlichste Küstenstadt Israels liegt fast schon an der Grenze zum Libanon. Auf halber Strecke, neben dem Achziv-Nationalpark, verzeichnet die Karte einen namenlosen grauen Fleck. Ich wandere eine Stunde im Graben an der Küstenstraße entlang, vorbei an Bananenplantagen. Autos halten an, und Männer fragen durchs Seitenfenster, ob man zusammen was trinken wolle am Abend. Ich habe eine gute Ausrede: Dann bin ich schon nicht mehr im Land!

In der Einfahrt zum Nationalpark weist ein amtliches Ortsschild zu einer sandigen Piste. »Eli Avivi« steht da. Mehr nicht. Als wäre der Mann selbst das Land. Die Flügel des blauen Eisentors stehen weit offen. Der Grenzübergang ist unbewacht; die Hirtenhunde zählen nicht. Zu alt, um zu bellen, taumeln sie blind auf mich zu, dann trotten sie davon über buckliges Gras, verschwinden zwischen antiken Amphoren und Mühlsteinen, hinter einem Ruderboot – in all den Nischen, die sich auftun zwischen Fischerhüttchen und einer Villa mit einer monströsen Veranda. Drumherum Palmen, windverblasener Bambus und Kakteen.

Aus dem Fundament eines Steinhauses im Zentrum ragt ein Konstrukt aus verwitterten Brettern – als hätte ein Orkan alles Strandgut heraufgefegt und zu einer Villa Kunterbunt arrangiert. Eine Armada von Tauben zankt um die Logenplätze im Gebälk. »Museum« steht über der offenen Tür. Entlang der Eingangsstufen quillt Kurioses bis in den Garten. Ein Blechfass mit deutscher Aufschrift: »Wehrmacht hochentzündlich« und eine Badewanne mit Kanonenkugeln. Daneben steckt auf einem Pfosten ein Telefonapparat, von dem der Rost blättert. Versuchsweise nehme ich den Hörer von der Gabel.

»Die Leitung reicht nur noch zu Gott.« Ertappt drehe ich mich um. Platinblonder Pony, ein schwerer Körper im Oversized-Shirt, viel Bling-Bling an den Fingern. Die First Lady von Achzivland hatte ich mir ätherischer vorgestellt. Mit dem Blick einer Hausfrau auf die Bierdeckelsammlung des Ehemanns mustert die 67-Jährige das Spalier aus Ankern, Steingut und urtümlichem Farmwerkzeug. »Eli hat den Plunder aus dem Meer gehoben oder aus dem Boden gewühlt.« Dann entsinnt sie sich ihres Amtes und fügt mit gewichtiger Stimme hinzu: »Wir leben hier auf 3000 Jahren Geschichte.«

Im Gegensatz zu manch anderer Mikronation war Achziv immer besiedelt. Hier wurden phönizische Gräber gefunden, griechische Inschriften, römische Wegsteine. Im benachbarten Nationalpark stehen die Reste einer Kreuzfahrerfeste – und eine Moschee. Zur Mandatszeit lebten 2000 Muslime in dem Ort, der damals Al-Zib hieß, eingerahmt von Granatapfelhainen und Feigenbäumen. Der Chef der britischen Polizei nannte ihn das schönste Dorf in Palästina. 1948 walzten die Israelis alles nieder, bis auf die Moschee und das Haus des Dorfoberen. Es ist es das Museum, vor dem wir stehen.

In den ersten Jahrzehnten von Achzivland diente es als Präsidentenvilla. Dann hielt Rina Avivi die Sammelwut ihres Gatten nicht mehr aus: »Mir wurde es zu voll und zu düster, um darin zu wohnen.« Sie führt mich weiter zu einem Häuschen, das ich bisher übersehen habe. Vielleicht, weil es im Gegensatz zum Rest geradezu spießig wirkt: abgezirkelt von einem Gartenzaun, Blümchen an der Fertigbaufassade. Ihr Alterssitz.

Von der Veranda aus erhasche ich einen ersten Blick auf den Mann, der wie ein Zimmerer auf LSD das Land zugebaut hat. Der 86-jährige Regent döst im Rollstuhl unter einem knorrigen Karobbaum im Nachbargarten. Hinter ihm steht eine junge Frau; sie massiert ihm den Kopf und scheint dabei leise zu singen. Die weißen Wattebäusche an seinen Schläfen leuchten in der Sonne und geben seinem Gesicht etwas Messianisches.

Mit einer unwirschen Geste ordert Rina mich ins Haus. Das winzige Wohnzimmer ist gleichzeitig ihre Amtsstube. Es ist der erste Winter, in dem der Präsident die Einreiseformalitäten nicht mehr selbst versieht. Zwei abgegriffene Holzstempel liegen schon bereit. Ich bin nicht die einzige Anwärterin auf eine Trophäe im Pass. Auf dem Sofa sitzt ein Rentnerpaar aus Kanada und pickt in einem Haufen Fotos. Das neueste: der Präsident mit dem Model Bar Refaeli. »Heute sieht sie besser aus«, findet Rina Avivi. Die meisten Bilder aber sind viel älter, sie stammen aus der Zeit, als Achzivland das Haight-Ashbury Israels war.

Sieben Jahre soll Avivi hier schon gelebt haben – von Fisch und Sonne und ein bisschen Obst, das er den benachbarten Kibbuzim abschwatzte –, als Künstler und Rucksacktouristen den Strandbesetzer entdeckten und zu ihrem Guru ernannten. Auf den Bildern sieht man sie tanzen, rauchen und lachen. Oder durch die Ruinen tollen, leicht bekleidet in der Brandung. Manche blieben Wochen, andere Monate. Aber nur eine für immer: Mit gerade mal 17 Jahren verfiel eine Jüdin aus München dem freien Land und seinem Herrscher. »Es waren die schönsten Jahre«, erklärt sie nun dem ehrfürchtig lauschenden Paar. »Ich war ein großer Fan von Sophia Loren, und dann stand sie vor mir und hat mich gelehrt, wie man Spaghetti kocht.«

Genug Staatskunde. Ein Schluck grüner Tee, den fetten Kater geherzt, dann ist Rina so weit. Diesmal gebe ich meinen Reisepass gern her: Es hat etwas Anarchistisches, wenn der Stempel die Seite bedruckt. Die Kanadier seufzen verzückt. »Medinat Achziv« in hebräischer Schrift, darunter tintenblau die Kulisse der Mikronation: Ruinen, eine Palme und die Fische im Wasser. Gleich zweimal: Ein- und Ausreise. »Ein Dienstweg gespart!«

Rina Avivi hat viel zu tun. Im Sommer kommen die Gäste, und der Sommer beginnt im März. Bis dahin möchte sie Ordnung schaffen in Achzivland – die Erinnerungen müssen verwaltet werden. Denn sie bestreiten den Staatshaushalt, treiben den Wegzoll ein, locken die Touristen. Nun, wo Eli immer stiller wird, muss sie die Geschichten erzählen. Welche das sind, das dosiert sie anscheinend je nach Gegenüber:

Nachdem das Paar sich verabschiedet hat, holt sie ein weiteres Album hervor. »Willst du nackte Mädchen sehen?« Bevor ich antworten kann, liegen sie schon vor mir, in weichen Pastellfarben. Rina blättert durch die Schönheiten wie durch einen Modekatalog. »Zwei Millionen Bilder stecken noch in Schachteln«, stöhnt sie. Nicht immer blieb es wohl bei Fotos. Treue war kein Grundpfeiler der Landesmoral.

Eifersucht? Die First Lady verzieht verächtlich den Mund. Dann sagt sie: »Schwarz-Weiß mag ich lieber.« Ich blicke auf die Schlafzimmerwand und verstehe, was sie meint. Schwarz-weiß waren die Filme, als Eli sie selbst entdeckte: Rina in Modelpose und Schlagjeans, athletisch mit nackten Schenkeln auf einem Pferd. Kein Blumenmädchen, eher eine Windsbraut.

Das Telefon holt uns zurück in die Gegenwart: Ein Schatzsammler kündigt sich an, um in den Fundstücken zu wühlen. Im Garten fängt mich Anna ab, die sehr junge Pflegerin des Präsidenten. Sie trägt nur Puschen und einen Bademantel, ist aber in Aufbruchstimmung. »Eli macht einen Ausflug zum Meer!«

»Willkommen«, sagt der Staatschef leise auf Hebräisch und hebt vornehm die Hand. Gegen den Wind ist der Herrscher von Achzivland in eine braune Kutte gehüllt. Früher lief er barfuß und trug einen weißen Kaftan. Aber immer noch geht eine Wirkung von dem alten Mann aus. Langsam setzt sich unsere kleine Eskorte in Bewegung. Das Staatsgebiet ist schnell umrundet. Eineinhalb Hektar sind es. Anna schiebt den Rollstuhl vor ein Mäuerchen aus Steinen, die der Präsident vor vielen Jahren vom Strand heraufgeschleppt hat. Da unten am Wasser hinter den tomatenroten Blüten der Aloe Vera hat alles begonnen.

»Es war genau das, was ich brauchte«, sagt Avivi und blickt auf ein Mittelmeer, das sich hier wilder gebärdet als an der Badeküste Tel Avivs. Vier Jahre nach Israels Unabhängigkeitserklärung beschloss er hier die eigene Autonomie und nahm sich einfach sein Stück vom erkämpften Land.

»Um seine Memoiren zu schreiben«, wirft Anna ein. So voll war er damals schon mit Erinnerungen: Mit 16 Jahren hatte er für die Untergrundorganisation Palmach Juden an den Briten vorbei ins Land geschmuggelt. Im Krieg dann Brücken im Libanon gesprengt. Und als Seemann drei Jahre lang die Welt bereist. Mit feiner Stimme erzählt er mir die Geschichten seines Lebens. Wenn er nicht weiterweiß, übernimmt Anna.

Wie er sein Land verteidigt hat, notfalls mit dem Gewehr: vor Kidnappern aus dem Libanon, vor den israelischen Autoritäten, vor der Naturschutzbehörde. Dass er wegen »unrechtmäßiger Gründung eines Staats« festgenommen wurde und wie der Richter urteilte, ein solches Vergehen existiere seines Wissens nicht. Wie er wirklich Ärger bekam, weil er Minderjährige verheiratete. Wie er mal ganz staatsmännisch den Luftraum über Achzivland für die israelischen Flugzeuge freigab.

Ein freiwillig gestrandeter Robinson Crusoe – das muss ein Kuriosum gewesen sein im jungen Israel, dessen Parole der Zusammenhalt war. Und später, als es eng wurde im Land: ein Ärgernis. Und doch hat er sie alle um den Finger gewickelt. Israel ließ sich auf einen Kuhhandel ein und verpachtete ihm einen Teil des Landes für 99 Jahre. Dann ist die Audienz beendet, der Präsident ist müde.

Ein paar Holzstufen führen hinunter an den Strand. Meine Füße drücken sich in spurenlosen Sand – flache Felsen legen einen Pfad ins Wasser, laden ein, darüberzubalancieren. Kein Wunder, dass Eli Avivi das Rauschen der Brandung zur Nationalhymne erklärt hat. Es flüstert mir das erste Gesetz von Achzivland ein, so wie es wohl vor vielen Jahren seine Jüngerinnen hörten: »Wen schert es, was gestern war, was morgen sein wird?« Mein Blick verliert sich in der Weite des Meeres. Stolpert nur über zwei Riffe, an denen es emporgeschleudert wird. Mehr passiert nicht, aber das reicht für einen sehr langen Moment.

Als ich irgendwann das Museum besuche, erscheint es mir wie ein Anker, den Avivi auswarf, um sich in Raum und Zeit zu vertäuen und nicht gänzlich den Halt zu verlieren. Zwischen den handbemalten Fliesen und geschnitzten hohen Türen, dort, wo einst der Dorfobere residierte, sind Hunderte Artefakte im magischen Zwielicht ausgestellt. Sie mögen auf ungewissen Wegen an die Küste geschwemmt worden sein, aber Avivi hat ihnen mit akkurater Handschrift einen Platz in seiner eigenen Geschichte eingeräumt.

Auf einer wackligen Holztreppe steige ich in den Fantasiebau darüber, in dem einst die Hippie-Botschafter aus aller Welt hausten. Unter mir liegt das gesamte Staatsgebiet: Ich entdecke streunende Katzen, eine aufgebrachte First Lady, die mit dem Schatzsucher um Messingware feilscht. Zwei Arbeiter, die in ihrem Auftrag noch mehr hölzernen Irrsinn zimmern. Und sehe Anna aus der Ferne zu, wie sie in der Gartenküche das Präsidentenmahl bereitet.

Dann wird es Abend in Achzivland, und die Bewohner verschwinden hinter ihren Türen wie die Figürchen einer Spieluhr. In meiner Hütte verkrieche ich mich unter eine rosa Decke, welche die Heizung ersetzt, und höre den alten Mann nebenan husten. Erster und letzter Hippie Israels. Präsident eines State of Mind. Die Thronfolge ist ungeklärt.

(erschienen in: Die ZEIT)